Bitte 8 Bit! Pixel-Helden und Chiptune-Beats

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ARTE Creative
8-Bits & Chiptunes

Es ist klotzförmig, passt ganz locker in die Handfläche und soll das neue Lieblingsspielzeug aller Retro-Fans werden: Der japanische Videospiel-Gigant Nintendo bringt eine Neuauflage seines Erfolgsproduktes Nintendo Entertainment System (NES) von 1985 heraus: die NES Classic Edition, ausgestattet mit 30 der beliebtesten 8-Bit-Spiele wie Super Mario Bros., Donkey Kong oder Pac-Man.

Warum ein Re-Release dieser alten Klamotte? Gibt es in Zeiten von HD, 3D-Kino und Virtual Reality – Stichwort Pokémon Go – nicht genug Konkurrenz in Form von Games, die einen komplexerem Plot aufweisen und ein besseres Spielerlebnis versprechen? Kurzum: Wer interessiert sich 2016 noch für die alten Spiele von vor über dreißig Jahren?

Das Re-Release kommt zu einer Zeit, in der alles, was irgendwie Retro ist, zum Trend erklärt wird. Ist das von Nintendo deklarierte Revival der Pixel also bloß ein Marketingcoup? Tatsächlich handelt es sich im Fall von 8-Bit weniger um ein Comeback, als vielmehr um ein nie weggewesenes Phänomen: In den letzten 30 Jahren haben 8-Bit-Videospiele neben technisch fortgeschrittenen Neuentwicklungen immer weiter existiert – besonders in Japan, der Wiege der Konsolenspiele, wo die Liebe zu 8-Bit nie eines Updates bedurfte. Doch statt es sich in der Videospiel-Nische allzu bequem zu machen, haben die Pixel auch andere Bereiche der Kunst und Popkultur befallen: Musiker, Filmemacher, Künstler oder Modedesigner haben die 8-Bit-Ästhetik für sich entdeckt.

Neben der einfachen Bildsprache gefällt an dieser Ästehtik vor allem die charakteristische Musik der 8-Bit-Spiele. Ihre metallischen Piepsfrequenzen haben sich als Chiptunes von ihrem ursprünglichen Trägermedium – dem Videospiel – emanzipiert: Die Spielkonsole wird zum Instrument. Chiptunes entstehen aus Samples, kurzen Abfolgen von Spielkonsolen- oder Gameboy-Tönen, die am Computer zusammengesetzt werden können. Das Ergebnis: Songs, die mal mehr, mal weniger an Super Mario erinnern und alle Musikstile abdecken. Eine große Community übt diese Leidenschaft hobbymäßig aus und teilt ihre Chiptunes im Netz. Die Tüftler versuchen sich an Cover-Versionen bekannter Filmmusik oder Pop-Hits:

Andere Musiker sind in professionellen 8-Bit-Bands erfolgreich unterwegs – wie die japanische Band YMCK, die vom Jazz beeinflusst ist, oder die New Yorker Band Anamanaguchi, die einen Sound mit elektronischen Anleihen macht. Diese genreumfassende musikalische Bandbreite ist der Gegenbeweis für den bösen Vorwurf, 8-Bit-Musik sei nichts als quietschender Einheitsbrei.

Musik und Popkultur dienen bekanntermaßen als starke Inspirationsquellen für eine weitere kreative Disziplin, die Mode. Kaum verwunderlich also, dass 8-Bit auch in der Fashionwelt nicht unbemerkt geblieben ist. Ein Paradebeispiel für konsequentes 8-Bit-Design: Bei der Tokyo Fashion Week 2011 schickt der japanische Designer Kunihiko Moringa seine Models in einer ganzen Kollektion "völlig verpixelt" über den Laufsteg und punktet damit bei 8-Bit-Fans, Modebloggern und Journalisten. Zur selben Zeit integriert die französische Designerin Sabine Ducasse Pixelmotive in ihre von der asiatischen Kultur inspirierten Entwürfe. Es lebe der Culture Clash!

Einen Clash der anderen Art erzeugt der New Yorker 8-Bit-Künstler Anthony Sneed. Sein Konzept: In seinen Gemälden trifft die vermeintlich heile Pixelwelt der Videospiele auf die hässliche Realität. Er jagt die Wirklichkeit durch den 8-Bit Filter, um mit dem minimalistischen Stil eine stärkere Aussagekraft zu erzeugen. Das animierte Bild Before & After über die Anschläge vom 11. September löst beim Betrachter ein Unbehagen aus, das so gar nicht zu den bunten Farben der Pixel passen will.

Eine solche Neuinterpretation im 8-Bit-Stil funktioniert aber nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch im Film. Die Cineasten und 8-Bit-Fans David und Henry Dutton wollten ihr Hobby der Welt nicht vorenthalten. Auf YouTube kann man sich ihre 8-Bit-Versionen von Filmklassikern und aktuellen Blockbustern zu Gemüte führen. Quentin Tarantinos Pulp Fiction auf zweieinhalb Minuten zusammengestaucht? Genial!

Die kontinuierliche Präsenz von 8-Bit in der zeitgenössischen Kunst ist unbestreitbar. Von Nostalgiehypes in der Popkultur – beispielsweise in Film und TV –, die sich noch immer auf die 80er Jahre fokussieren, profitiert auch die 8-Bit-Kultur. Wenn Firmen wie Nintendo damit das große Geschäft machen – sei es drum. Die Kunst weiß es besser. Denn auch wenn der momentane Hype nicht andauern wird: 8-Bit bleibt.

Zu sehen bei ARTE Creative:
Die Serie 8-Bits & Chiptunes widmet sich der japanischen 8-Bit-Kultur und stellt in fünf Episoden den Kult um die Spielkonsolenästhetik vor.

Weiterführende Links:    
• DIY: 8-Bit am Computer zeichnen.
• So hast du Paris noch nie gesehen: Stadtpläne im 8-Bit-Style.
• Kleine Philosophiestunde gefällig? Aber bitte mit Pixeln!

Gloria Grünwald

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