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"Es sollte schamlos geträumt werden": Das transmediale Europa-Projekt "Friday in Venice"

Anonymous

Am 25. Mai waren Europawahlen. Die Abgeordneten, die wir mit unseren Stimmen ins Parlament gewählt haben, bestimmen den Kurs Europas, unsere Zukunft. Wie diese aussieht, besonders für die jüngere Generation, fragt sich auch Michael Schindhelm, deutscher Autor, Filmemacher, Theaterintendant und Kulturberater. In seinem transmedialen Projekt "Friday in Venice" will er der Frage "Welches Europa ist möglich?" zusammen mit den europäischen Bürgern auf den Grund gehen.

Schon bei der Pressekonferenz im Europäischen Parlament in Straßburg fällt auf, es ist gar nicht so leicht da rein zu kommen. Mit knallgelben Presseausweisen ausgestattet geht es durch den Körperscanner, die Taschen über das Laufband, wie am Flughafen. Auch dahinter gelingt einem der Eintritt nur, wenn man einen Menschen mit der geeigneten Chipkarte kennt. Ähnlich scheint es mit Europa zu laufen. Wer darf rein? Wer soll raus? Wie sehr muss man sich durchleuchten lassen, persönlich und als Land? Bringt uns das öffnen der Märkte näher oder macht es jeden Einzelnen verwundbarer? Das Ziel ist natürlich Stabilität und Frieden, immer schon gewesen. Die Meinungen reichen weit, auch das war schon zu Beginn der Fall. Die Liste der Gründerväter reicht von Widerstandskämpfern über Politiker bis hin zu Anwälten. Sie alle wollten ein vereintes Europa. Das haben wir nun mit inzwischen 28 Mitgliedsstaaten, ebenso wie den Frieden. Mit der Stabilität sieht es da zurzeit allerdings wohl etwas wackelig aus. Die Frage ist, wohin geht es jetzt? Welche Richtung muss eingeschlagen werden? Was ist das Beste für uns alle?

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Jugendliche vor dem Europäischen Parlament beim European Youth Event. ©Katrin Obenauf

Noch immer liegt die Führung bei der älteren Generation während sich das Denken der jungen Menschen fundamental verändert. Der Graben zwischen den Generationen scheint immer größer zu werden, weshalb ein Dialog nötig wird, sagt Michael Schindhelm, Leiter des Projektes "Friday in Venice". Ziel dieses Projektes ist es, mit der jüngeren Generation in Kontakt zu treten, zu hören, was sie beschäftigt, was sie über Europa denken. Schindhelm will aus "der etablierten Welt der Älteren in das Leben der Jüngeren übersetzen", um in einem interaktiven, transmedialen Projekt herauszufinden, wie das Leben in Europa funktioniert, heute und morgen.

Die Basis des Projekts bildet das Buch "Lavapolis" (Matthes&Seitz, Sommer 2014), in dem Schindhelm seine Erfahrungen der letzten Jahre verarbeitet. Er hat lange Zeit außerhalb Europas gelebt und benutzt nun diesen Außenblick auf Europa dazu, besser zu verstehen, was innerhalb der Union passiert. Das Buch handelt von einer fiktiven Insel im Mittelmeer, der Wiege Europas, auf der eine Heterotopie herrscht. Dies ist ein Gegenort, der die Realität gleichzeitig repräsentiert, negiert und in Frage stellt. Es sei wichtig, nicht nur die Realität, sondern auch die Möglichkeiten zu sehen. "Es sollte schamlos geträumt werden", alles für möglich gehalten, Ideen geäußert und Dialoge geführt werden, so Schindhelm. Er bemüht sich darum, alternative Gesellschaftsformen zurück zu projizieren auf den Ursprung Europas. Die Realität, meint Schindhelm, sei nicht zufriedenstellend, doch wir glauben nicht an Alternativen. Das soll sich ändern. Dafür erfolgt mit der Online-Plattform "Friday in Venice" eine Verschmelzung von Fiktion und Realität. Das eignet sich laut Schindhelm gut, um Leute zu provozieren, zum Reden, zum Diskutieren zu bewegen.

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Autor Michael Schindhelm und Schauspieler Gábor Biedermann. Friday startet seine Reise im Europäischen Parlament. ©Katrin Obenauf

In diesem Projekt macht sich einer der Inselbewohner auf eine Reise durch Europa. Friday wird von dem deutsch-ungarischen Schauspieler Gábor Biedermann verkörpert und beginnt seinen Weg in Straßburg beim European Youth Event (EYE). Auf lavapolis.com berichtet er von seinen Erlebnissen, seinen Unterhaltungen, davon, was die junge Genration zum Thema Europa zu sagen hat. In Form von Videos werden diese Gedanken und Gespräche verbreitet. Die behandelten Themen stammen allerdings nicht tatsächlich von einer physischen Reise. Sie wurden von Mitwirkenden aus zehn Ländern entwickelt, die allesamt in Europa leben. Es geht aber nicht nur um das Darstellen von Problemen und Ideen, sondern hauptsächlich darum, einen Dialog zu entfachen, um eine kollektive Spekulation über eine alternative politische und soziale Realität zu erreichen. "Wir wollen, dass die Menschen reagieren und ihre Meinung kundtun. Ziel dieses Spiels ist es, die Leute dazu zu bewegen, sich Gedanken über Europa zu machen und an der Kreation Europas teilzunehmen", sagt Biedermann. Deshalb können sich die Internet Nutzer beteiligen, mitreden. Zu sagen haben sie einiges.

Die Themen, die die EYE Teilnehmer beschäftigen, sind vielfältig. Alexia, 26, aus Griechenland, macht sich Sorgen um das Verhältnis von Demokratie und Wirtschaft. Giulia, 26, aus Italien, beklagt die mangelhaften Kenntnisse der Menschen in Bezug auf EU Politik. Diese sei kompliziert und "die Menschen geben auf, bevor sie sie verstehen". Jacek, 23, aus Polen, meint es sei wichtig, die Kooperationen zwischen den Mitgliedsstaaten zu entwickeln, um unterschiedliche Werte zu integrieren. Die Frage der Jugendarbeitslosigkeit liegt Joanna, 23, ebenfalls aus Polen, sehr am Herzen. Fenne, 22, aus den Niederlanden, sorgt sich um den Mangel einer europäischen Identität. "Ich höre nie jemanden sagen, Ich bin Europäer". Eduardas, 23, aus Litauen, beklagt die "schockierend geringe Wahlbeteiligung bei den Europawahlen".

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Ilona, 27, aus Polen. ©Katrin Obenauf

Ilona, 27, aus Polen, fragt wohin uns die digitale Revolution führen wird. "Wird es das Fernsehen, Radio und Zeitungen noch geben? Wird es noch ein „richtiges“ Leben geben oder wird sich alles im Internet abspielen?" Eine gute Frage. "Friday in Venice" will die Realität mit der Fiktion mischen, um so neue Möglichkeiten zu schaffen, neue Gedankenprozesse in Gang zu setzen. In Form einer Diskussion von einander unbekannten, realen Menschen. Angestoßen von inszenierten Videos. Vielleicht ist diese Mischung die neue Form der Realität, die nicht verloren gehen darf. Das Konzept jedenfalls, die Politik mit Hilfe der Kunst zu ändern, ist sehr modern, fortschrittlich. Ob es möglich ist, mit dieser Kombination von kreativem und abstraktem Denken eine Lösung für die Probleme in Europa zu finden, wird sich noch herausstellen. Wie Schindhelm sagt, gibt es in dem Projekt "jeden Tag neue Möglichkeiten, immer weiter ins Dunkle hinein". Man weiß nie, was als nächstes passieren wird, ganz wie in der Realität.

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Joanna, 23, aus Polen und Fenne, 22, aus den Niederlanden. ©Katrin Obenauf

Geschichte Europas „in a nutshell“

Eine Zusammenfassung der Webseite der Europäischen Union

1950 sorgt die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl durch eine wirtschaftliche und politische Einigung für Stabilität in den Nachkriegsjahren. Die Gründungsmitglieder sind Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande. 1957 wird mit dem Vertrag von Rom die EWG, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und damit ein "gemeinsamer Markt" geschaffen. In den 60er Jahren beginnt die Jugend eine Kulturrevolution, die den Generationenkonflikt verstärkt, der Wirtschaft geht es jedoch sehr gut. Durch die Abschaffung der EU-Zölle und die gemeinsame Kontrolle der Lebensmittelproduktion gibt es letztlich sogar einen Nahrungsmittelüberschuss. Adenauers Außenpolitik ist geprägt von der Aussöhnung mit Frankreich nach dem 2. Weltkrieg. 1963 gelingt ihm mit Charles de Gaulle eine historische Wende. Die Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem geeinten Europa. In den 70ern erfolgt die erste EU-Erweiterung durch Dänemark, Irland und das Vereinigte Königreich. Der Einfluss des EU-Parlaments auf die Angelegenheiten der EU nimmt zu und 1979 können erstmals die Abgeordneten direkt von den Bürgern gewählt werden. In den 80ern treten Griechenland, Spanien und Portugal der EU bei und die "Einheitliche Europäische Akte" wird unterzeichnet. Diese beinhaltet einen 6-Jahresplan zur Lösung der Probleme des freien Handels, wodurch der europäische "Binnenmarkt" geschaffen wird. 1993 wird dieser durch die "vier Freiheiten" vollendet. Jetzt gilt freier Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital. Ebenfalls 1993 gründet der Mastrichter Vertrag die Europäische Union. Die Menschen beschäftigen sich erstmals in großem Rahmen mit Umweltschutz und der Frage, wie Sicherheits- und Verteidigungsfragen auf europäischer Ebene gemeinsam angegangen werden können. 1995 treten Finnland, Österreich und Schweden bei, mit dem "Schengener Abkommen" werden die innereuropäischen Passkontrollen abgeschafft und immer mehr Studenten studieren mit Stipendien im EU-Ausland. Am 1. Januar wird der Euro eingeführt und damit zur Währung von über 300 Millionen Menschen in Europa. In den 2000ern führen die Ereignisse von 9/11 zur engeren Zusammenarbeit bei der Verbrechensbekämpfung, zwölf weitere Staaten treten der EU bei und durch die Finanzkrise 2008 entsteht der Vertrag von Lissabon. Eine Modernisierung der Organe und Einrichtungen der EU und eine effizientere Arbeitsweise der EU sind die Folge.

 

"Friday in Venice" im Netz
Die Webseite "Lavapolis/Friday in Venice" läd euch dazu ein, aktiv an verschiedenen Debatten teilzunehmen, wie beispielsweise "What’s wrong with the left and right with the right?".

"Friday in Venice" bei der 14. Architektur Biennale in Venedig
"Friday in Venice" präsentiert sich in der ersten Juli Woche mit einer interaktiven Installation in der Arsenal.
Danach wird es sich, auf Einladung von Rem Koolhaas, in interaktiven Shows entfalten. Zu sehen sind diese an den Wochenenden vom 1.-17. August 2014.
Die Biennale in Venedig

Das Buch
Lavapolis
erscheint im Juli 2014 bei Matthes&Seitz auf Deutsch und bei Sternberg Press als englische Version.

weitere Links
Michael Schindhelm
Gábor Biedermann
Europäische Union
EYE2014
• Die Pressekonferenz auf ARTE Future

"Friday in Venice" in sechs Videos auf ARTE Future

 

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