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"Ich interessiere mich für Kunst, die verstört": Kuratorin Céline Poulin über den öffentlichen Raum

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In Extenso, das Kuratorenprogramm der Bildenden Künste des Institut Français Berlin und des Deutschen Architektur Zentrums (DAZ) geht am 27. November in die dritte Runde: Nach einem ersten Veranstaltungsblock zur Performance (22. Mai 2014) und einem zu sozialer Architektur (25. September 2014), beschäftigt sich Kuratorin Céline Poulin im Rahmen von "Public Space" mit Kunst und Pluralität im öffentlichen Raum.

Céline Poulin ist Philosophin und freie Kuratorin. Mit ihrer Ausstellung zu "Public Space" geht "In Extenso - Erweitert" in die zweite Runde. Im Interview mit ARTE Creative spricht Poulin über Raumgrenzen, das Wissen um die "richtige" Position eines Gemäldes und über öffentliche Kunst als Mittel gegen die Krise.

ARTE Creative: Sie sind Kuratorin der Ausstellung "Public Space". Wie kann man öffentlichen Raum in einer Ausstellung zeigen?

Céline Poulin: Der Ausstellungsraum selbst ist ein öffentlicher Raum. Wenn man mit dem Begriff des öffentlichen Raums arbeitet und eine Ausstellung organisiert, bedeutet das auch, über Grenzen nachzudenken, die jeden Raum definieren: Über innen, außen, darüber was zu diesem Raum gehört und was nicht. Es geht auch darum, über verschiedene Arten von öffentlichen Räumen und die Bewegung zwischen ihnen nachzudenken.  

Anlässlich der Ausstellung organisieren sie auch eine Diskussionsrunde – wen haben Sie eingeladen?

Ich habe Marcus Maissen eingeladen, einen Architekten und Herausgeber, der sich mit dem Konzept der Demokratie beschäftigt. Im Zusammenhang mit dem Begriff des öffentlichen Raums, erscheint mir diese Perspektive interessant, weil sie die Frage der partizipativen Demokratie aufwirft. Heutzutage gibt es den künstlerischen Ansatz, das Publikum in den kreativen Prozess miteinzubeziehen. Aber was bedeutet diese Beteiligung? Und was macht das mit der Beziehung von Künstler und Betrachter? Der Architekt Jean-Pascal Flavien wird ebenfalls an der Diskussion teilnehmen. Er baut Häuser, in denen jedes Element – jeder Stuhl, jeder Tisch, jede Wand – als eigenes grammatikalisches Element angesehen werden kann. Jeder Bewohner kann die Raumanordnung damit selbst definieren, verwendet sozusagen sein eigenes Vokabular. Mit dieser Semiotik können wir schließlich unsere Beziehung zum Raum entschlüsseln.

Sie selbst haben Philosophie studiert. Wie beeinflusst die Philosophie ihre Arbeit?

Ich nutze die Werkzeuge der Philosophie jeden Tag bei der Arbeit, sei es in Museen oder in Schulen. Ich bediene mich vor allem Wittgenstein, einem sehr pragmatischen Philosophen, der sagt: Wenn Sie versuchen ein Bild aufzuhängen, sollten Sie jene Position wählen, von der Sie intuitiv "wissen", dass sie die Richtige ist. Wenn ich eine Ausstellung gestalte, frage ich mich häufig: Ein bisschen weiter links? Ein bisschen weiter rechts? Ein bisschen partizipativer? Und dann hilft mir die Theorie sehr weiter.

Sie analysieren den öffentlichen Raum auf verschiedene Aspekte, die unter dem der "Macht" subsummiert werden können. Wer hat denn die Macht über den öffentlichen Raum?

Es gibt mehrere Ebenen der Regulierung des öffentlichen Raumes. Zunächst bestimmt eine institutionelle Macht über den öffentlichen Raum: Eine Straße zum Beispiel gehört dem Staat, einer Stadt oder einem Stadtteil. Organisiert man eine Demonstration, muss man zuerst um Erlaubnis fragen. Es gibt weitere Formen, mehr oder weniger legale. Personengruppen oder Individuen, die gegen diese institutionelle Macht agieren: Zum Beispiel private Geldgeber oder Straßenverkäufer. Und schließlich gibt es noch Personen, die Plätze besetzen, um dort ihr eigenes Territorium zu schaffen. Das letzte Mal als ich nach Berlin war, habe ich in Kreuzberg eine Art kleines Dorf entdeckt, gebaut von einer Gruppe Asylwerber. Sie haben mit ihrem Dort einen öffentlichen Ort zu einem privaten gemacht.

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Adrian Piper: Performance-Serie "Catalysis" 1970–1972 © Generali Foundation

In einem Interview haben sie einmal gesagt, dass über die Definition der Machtverhältnisse auch die Frage entscheidend ist, wer spricht?

In der Vergangenheit waren Frauen im öffentlichen Raum nicht sichtbar. Viele Künstlerinnen wollten das ändern – und haben durch Aktionen auf ihre Präsenz aufmerksam gemacht. Ein Beispiel ist Adrian Piper: In Ihrer Performance-Reihe "CataLysis" (Katalyse) marschierte sie mit einem Taschentuch im Mund durch die Straßen, fuhr mit dem Bus. Um zu zeigen, dass sie als Frau seltener die Möglichkeit hat, sich zu artikulieren, sich zu äußern. Diese Möglichkeit, sich zu äußern, steht in direktem Zusammenhang mit der Frage der Machtverhältnisse.

Ist Kunst im öffentlichen Raum zwangsläufig eine Form des Protests?

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt verschiedene Formen von Kunst im öffentlichen Raum. Zunächst die institutionelle oder institutionalisierte Kunst. Ich denke hier vor allem an eine künstlerische Demonstration in Lille, von der auch François Frimat in seinem Buch "Micro-seminaire" spricht. Diese Demonstration war eine Art öffentliche Performance. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, mit einem weißen T-Shirt auf die Straße zu gehen und es gab einen Helikopter, der Bilder auf die Menge projizierte. So wurde die Menge zu einer Leinwand. Kunst im öffentlichen Raum kann auch eine Form des Feierns sein: In Frankreich sieht man beispielsweise überall Skulpturen von Charles de Gaulle. Sie symbolisieren wiederum institutionelle Macht. Ich interessiere mich aber vor allem für jene Formen von Kunst, die Fragen stellen, die verstören.

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"Lichtgrenze": Installation zum 25. Jubiläum des Mauerfalls, Berlin © Blickwinkel

Vergangene Woche schmückten 8000 Ballons das Berliner Stadtzentrum. Sie sollten an den Mauerfall vor 25 Jahren erinnern. Fangen nun auch Staaten mehr und mehr an, zeitgenössische Kunst zu nutzen, um zum Denken anzuregen?

In Europa ist eine Tendenz zu beobachten: Politik Intuitionen scheinen sich mehr und mehr für gemeinschaftliche, partizipative Kunst zu interessieren. Die Kunst soll einerseits einen sozialen Link zwischen den Menschen schaffen, andererseits soll sie sie die Krise vergessen lassen. Kunst erlaubt es, soziale Frakturen zu kitten. Deshalb laden Institutionen Künstler und Künstlerinnen dazu ein, kollaborative Kunstwerke im öffentlichen Raum zu schaffen, die das Land, die Stadt oder die Nation ehren und Europa vereinen.

Sie sind viel in Deutschland und Frankreich herumgekommen – Wie unterscheiden sich die beiden Länder in ihrem Verständnis von öffentlichem Raum?

In Berlin gibt es große Flächen, die noch nicht definiert, die beinahe leer sind. Neutrale Zonen sozusagen. In Frankreich ist der öffentliche Raum bereits großteils besetzt. Es ist nicht mehr möglich, diese Flächen mitzugestalten. Aber auch in Berlin ändert sich das langsam: Es wird aufgrund der vielen Leerflächen stärker investiert, es ist eine starke Urbanisierung zu beobachten. In alle europäischen Städten nimmt die Regulierung zu.

Was planen sie an nächsten Projekten?

Neben "public space" arbeite ich gemeinsam mit dem Kuratoren-Kollektiv "Le Bureau" an einem Projekt, das von Christophe Lemaitre im Cneai in Paris organisiert wurde: "La vie et la mort des œuvres d’art" (Das Leben und der Tod von Kunstwerken). Ich lanciere "Le syndrome de bannard" (Das Bannard-Sydrom), eine Ausstellung, die sich um die Entstehung eines Kunstwerks dreht, die seine Unendlichkeit hinterfragt und die Rolle des Sammelns in diesem Prozess.
 

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Zur Person:

Céline Poulin arbeitet seit 2004 als freie Ausstellungskuratorin, ihr Schwerpunkt ist der Produktionsprozess von Kunstwerken in unterschiedlichen Kontexten. In ihren Projekten experimentiert sie mit verschiedenen Formen der Ausstellungs- und Veranstaltungsorganisation – Immer mit besonderem Augenmerk auf die Rezeption eines Kunstwerks und die Miteinbeziehung des Betrachters. Neben "Public Space" realisierte Céline Poulin u.a. auch die Projekte "Traucum" im Parc Saint Léger – Hors les murs (2014) und "Brigadoon" in der Tôlerie in Clermont-Ferrand (2013). Poulin ist Mitbegründerin des Kuratoren-Kollektivs "Le Bureau", das sich mit Praktiken der Ausstellungsgestaltung auseinandersetzt.
 

IN EXTENSO - ERWEITERT #3 - Interdisziplinäre Diskussionsrunde zum Thema "Public Space": Céline Poulin im Gespräch mit Jean-Pascal Flavien und Markus Miessen. Am 27. November 2014 um 19 Uhr im Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) in Berlin (Köpenicker Straße 48)

 

Auf ARTE Creative:
Interview mit Karina Boudou über Architektur und sozialen Raum

Links :
• Jeunes Commissaires
• daz.de
• Parc Saint Leger
• Brigadoon
• Les Belles Images
• Le Bureau

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