in extenso

Neue Kuratoren braucht das Land: Das deutsch-französische Programm fördert den Nachwuchs

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ARTE Creative

In Extenso, das Kuratorenprogramm der Bildenden Künste des Institut Français Berlin und des Deutschen Architektur Zentrums (DAZ) beginnt am 25. September 2014 in Berlin. Für diese neue Auflage der Veranstaltung wurden vier junge französische Kuratorinnen eingeladen : Agnès Violeau, Karima Boudou, Céline Poulin und Florence Ostebde. Jede von ihnen bereitet einen Beitrag zu einer bestimmten Thematik vor, um daran anknüpfend eine Ausstellung und geeignete Künstler dazu vorzuschlagen. Nach einem ersten Veranstaltungsblock zur Performance (22. Mai 2014), eröffnet der zweite Teil mit Karima Boudou und ihren Überlegungen zur Architektur und dem sozialen Raum. 

Karima Boudou ist eine unabhängige Kuratorin, die in Marocco wohnt. Für In Extenso, wird sie mit dem Künstler Jimmie Durham zusammenarbeiten und eine Konferenz mit ihm und der Architektin Laurence Kimmel moderieren.

Karima Boudou In Extenso
Karima Boudou © Marlen Müller

ARTE Creative: Wie sieht die Arbeit einer Ausstellungskuratorin heutzutage aus?
Karima Boudou: Meiner Meinung nach unterscheidet sich die Kuratorentätigkeit heutzutage nicht wesentlich von den Aufgaben der Kuratoren in den 1960er Jahren: Ausstellungen organisieren, Verwaltung, Projektentwicklung mit den Künstlern, praktische Umsetzung usw. Alles ist abhängig von den Strukturen und Rahmenbedingungen. Wenn man in kleinen Ausstellungsräumen arbeitet, hat man mit vielen Dingen unmittelbarer zu tun  ̶  von der Textarbeit bis zur Regie.

Hat die Arbeit des Ausstellungskurators auch etwas "Künstlerisches"?
Ich finde nicht, meiner Meinung nach sollte das auch nicht so sein. Das ginge in Richtung des Ausstellungsautors – ein Begriff, den Harald Szeemann geprägt hat und der mittlerweile von vielen Künstlern kritisch hinterfragt wird. Ich glaube, dieses Konzept war in den 1960er Jahren von Bedeutung, als Szeemann Direktor der Kunsthalle Bern war, heutzutage jedoch nicht mehr. Natürlich stellt sich die Frage bei Gemeinschaftsausstellungen sehr viel stärker, wenn der Kurator eine Auswahl aus mehreren Werken treffen und eine Art Geschichte erzählen muss. Ich bin aber der Auffassung, dass man sich in den Dienst der Künstler stellen muss und eine solche Definition von Ausstellungsautor in die falsche Richtung geht, weil sie tendenziell die künstlerischen Inhalte und die Arbeit des Künstlers schmälert. Es klingt natürlich hart, wenn man sagt, dass ein Kurator hinter dem Künstler nicht zu erkennen sein darf. Und natürlich hängt das auch von dem Verhältnis zum jeweiligen Künstler ab. Aber wenn man genügend Raum lässt, entstehen unter Umständen sehr interessante Dinge. 

Wenn Sie eine Ausstellung vorbereiten, überlegen Sie sich zuerst ein Thema und suchen dann passende Werke oder inspirieren bestimmte Werke Sie zu einem Ausstellungsthema?
Da ich in verschiedenen Ländern und an verschiedenen Orten arbeite, halte ich mich nicht an feste Vorgehensweisen. Manchmal inspiriert mich die Sammlung eines Museums dazu, auf bestimmte Werke mit einer Ausstellung zu reagieren. Meistens jedoch arbeite ich zusammen mit einem Künstler, und aus der Diskussion kristallisiert sich ein Thema heraus. So war es auch bei der Biennale Marrakesch, zu der ich die afro-amerikanische Künstlerin Donelle Woolford eingeladen hatte. Wir hatten gemeinsam überlegt, was passieren würde, wenn sie nach Afrika zurückkehrt, und auf dieser Grundlage Szenarien und Fragenkomplexe wie "Liegt Marokko noch in Afrika" entwickelt. So etwas hängt auch von den äußeren Bedingungen ab, ich bin da ziemlich flexibel. Ich vermeide es allerdings, einen didaktischen Ansatz zu verfolgen und bestimmte Themen mit Werken zu veranschaulichen. Denn dadurch werden die Künstler gegen ihren Willen in eine bestimmte Schublade gesteckt. So möchte ich nicht arbeiten.

Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich am liebsten?
Ich arbeite mittlerweile seit drei oder vier Jahren als Ausstellungskuratorin. In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich intensiv mit Künstlern beschäftigt, die Neuinterpretationen der Geschichte wagen. In Frankreich gibt es eine junge Künstlergeneration mit Migrationshintergrund, die ihr Erbe und ihre Ursprünge hinterfragt. Diese Künstler bieten eine andere Lesart der "Geschichte" als Alternative zu der, die ihnen aufgezwungen wurde. Ich mag zum Beispiel sehr die Arbeiten von Mathieu Abonnenc, einem französischen Künstler, der zu dem Film "Préface à des fusils pour Banta" von Sarah Maldoror arbeitet. Darin geht es um den Kampf gegen die Kolonialherrschaft in Guinea, wo die Frauen zu den Waffen griffen, um ihr Land zu befreien. Er hat mit den Negativen gearbeitet, von denen manche verschollenen sind, und einen neuen Film zusammengeschnitten, den er mit drei unterschiedlichen Dialogen verschiedener Erzähler unterlegt hat. Diese Art zu arbeiten interessiert mich vor allem aufgrund der politischen Dimension, denn meiner Meinung nach werden dabei echte Probleme thematisiert, seien sie nun historischer, sozialer oder politischer Natur. 

In Extenso 01

Der Y-Table, Ort für die Konferenzen des In Extenso im DAZ in Berlin

Wie kommt die Zusammenarbeit mit einem bestimmten Künstler zustande?
Da gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Einige Künstler sind auf mich zugekommen, andere wiederum habe ich kontaktiert, und daraus ist dann ein Dialog entstanden. Von einigen hatte ich zuvor schon Werke auf einer Ausstellung oder in einer Sammlung gesehen. Viele Kuratoren – es tut mir leid, das sagen zu müssen – gehen mit einer gewissen "Katalogmentalität" an die Arbeit, besuchen also beispielsweise den Salon Montrouge oder eine Ausstellung junger Künstler und picken sich dort diejenigen heraus, die sie interessieren, um sie hinterher zu fördern. Dabei handelt es sich aber um Künstler, die vom System bereits legitimiert wurden. Ich vermeide so etwas. Mir macht es Spaß, Leute voran zu bringen, die qualitativ hochwertige Werke schaffen und bislang nicht die Ausstellung bekommen haben, die sie verdienen.

Im Rahmen des Projekts In Extenso – Erweitert arbeiten Sie zum Thema "Architektur und sozialer Raum". Wie entwickelt man dazu eine Ausstellung?
Im Rahmen dieses Projekts habe ich mit dem Institut français in Amsterdam zusammengearbeitet, wo ich ein Nachdiplomstudium absolvierte, sowie mit dem Bureau des Arts Plastiques Berlin und dem Deutschen Architektur Zentrum (DAZ), ebenfalls in Berlin. Man hatte mich eingeladen, etwas zum sozialen Kontext zu machen. Ich habe mich gefragt, wie man darauf antworten kann, denn das Thema setzt voraus, dass man auf den Kontext eingeht, in dem man sich bewegt. Das ist ziemlich komplex, auch für mich, denn Architektur ist eine Sprache, die zu meinem Leben gehört und die ich mit Interesse verfolge, die ich selbst aber nicht beherrsche. Ich musste also einen Künstler finden, der sich in den Bereichen Architektur und bildende Kunst gleichermaßen bewegt und eine kritische Sicht auf das Thema hat. Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Arbeiten von Jimmie Durham, einem in Berlin lebenden amerikanischen Künstler. Als er noch in den USA wohnte, gehörte er einer Bewegung an, die sich für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner einsetzt. Seit seinem Umzug nach Europa beschäftigt er sich vor allem mit Architekturkritik: In seinen Augen steht Architektur für die Herrschaft von Staat und Sprache. Dieser Künstler bringt Dinge zum Ausdruck, die mich ansprechen. Ich befinde mich noch im Anfangsstadium dieses Projekts, noch ist nicht alles völlig ausgereift, doch die Idee, unsere Überzeugungen zu hinterfragen, gefällt mir gut.

Sie haben das Kollektiv Dis/Parère ins Leben gerufen und wollen Kunstwerken durch den Raum Geltung verschaffen. Wie funktioniert das?
Bei einigen meiner Projekte habe ich mich auf die Typik und die Geschichte des Raums "gestützt", um unterschwellig eine Geschichte zu erzählen, auf der die eigentliche Ausstellung aufbaut. Im Institut français in den Niederlanden hatte ich eine Gemeinschaftsausstellung mit dem Titel "Ce lieu n’est pas la maison de Descartes" (Dies ist nicht das Haus von Descartes) organisiert. Dahinter steckte die Idee, die Inneneinrichtung des Hauses von Descartes zu benutzen. Es ist ein sehr nüchterner Bau aus dem 18. Jahrhundert, der ursprünglich als Waisenhaus diente und von französischen Geldgebern mit Sitz in den Niederlanden in Auftrag gegeben worden war. Ich wollte diese Geschichte und diese "White-Décors" als Basis für die Ausstellung verwenden. Das Projekt auf der Biennale Marrakesch ist ähnlich. Ich hatte mir einen Ort in einem Viertel namens Le Mellah ausgesucht, dem alten Judenviertel. Dort hatte ich das alte Haus eines Kaufmanns mit einem Innenhof und nachgemachten afrikanischen Statuen entdeckt, die dort von angeblichen Antiquitätenhändlern zum Verkauf angeboten wurden. Es schien mir in diesem Ambiente interessant, mit der afro-amerikanischen Künstlerin Donelle Woolford zusammenzuarbeiten, die kubistische Bilder malt. Sie war gleich Feuer und Flamme, und so nahm das Projekt seinen Lauf. Jetzt möchte ich aber lieber Ausstellungen in White Cubes organisieren, die sich allein um die Arbeit des Künstlers drehen und weniger mit dem Ambiente eines Ortes zu tun haben oder mit der Geschichte, die der Kurator dort erzählen möchte. Vielleicht erscheint das ein wenig extrem, doch es erlaubt einem, sich wirklich auf die Sache zu konzentrieren und alle "Störerzählungen" auszuschalten. Das ist bei mir aber wirklich eine ganz neue Entwicklung. 

An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?
Ich bereite gerade eine Einzelausstellung mit Soufiane Ababri vor, die wir in Rabat realisieren möchten. Ich weiß noch nicht, in welche Richtung sie gehen wird, da sich das Projekt aus den Gesprächen mit der Künstlerin erst nach und nach entwickelt. Als Freelancerin bin ich außerdem an weiteren Projekten beteiligt, zum Beispiel an einer Tagung zu Fragen der Archivierung, die das Institut national d'histoire de l'art (INHA) im Dezember in Paris veranstaltet, und einer Ausstellung in Paris im kommenden Mai.

Mit wem würden Sie in Zukunft gern zusammenarbeiten?
Ein Künstler interessiert mich im Augenblick besonders, sein Name ist Danh Vo. Er lebt in Berlin und ich wollte, dass er an dem Projekt In Extenso – Erweitert teilnimmt, doch das ließ sich leider nicht realisieren. Er wurde 1975 in Vietnam geboren und ging dann nach Dänemark. In einem seiner Werke, das mich am meisten berührt hat, geht es um den Brief eines Franzosen, der in der französischen Armee in Indochina diente. Vo ließ ihn von seinem Vater abschreiben, der des Französischen nicht mächtig ist. Darin steckt also die eigentliche Kopierarbeit, die französische Kolonialgeschichte in Asien, die Geschichte des Vaters, der nach Dänemark gegangen ist, und seine eigene Geschichte als Künstler. Das Ganze hat etwas Chamäleonhaftes, so viele Dinge werden dort angesprochen und so viele Geschichten verbinden sich zu einem neuen Ganzen. Dieses Werk ist von großer politischer Aussagekraft. Es gibt nicht viele Künstler, deren Arbeit eine solche Kraft entwickelt.

Programm In Extenso:
Diskussion mit Karima Boudou, Jimmie Durham und Laurence Kimmel
Donnerstag, 25. September 2014 um 19.00 Uhr am Y-Table des DAZ

Diskussion mit Céline Poulin über den öffentlichen Raum
Donnerstag, 27. November 2014 um 19.00 Uhr im DAZ

Disskussion mit Florence Ostende zum Storytelling
Donnerstag, 5. Februar 2015 um 19.00 Uhr im DAZ

Links:
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