WORLD BRAIN - trailer

Überleben im Wald mit Wikipedia? Auf der Suche nach dem Weltgehirn

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ARTE Creative

Der Dokumentarfilm World Brain der beiden französischen Künstler Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon hat am 15. Dezember um 23.30 Uhr auf ARTE TV-Premiere! Kommen Sie mit auf eine Reise in die Welt der Daten!
Ist der Mensch eine Maus in einem weltweiten Labor geworden? Können wir nur mit Hilfe von Wikipedia-Tipps in der Wildnis überleben? Was haben Haie mit dem Internet zu tun? Das fragen die beiden französischen Filmemacher in ihrem Film über das Internet von heute und das mögliche Internet von morgen. In der Form eines Essay-Films, in dem die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion verschwimmen, fragt World Brain nach der Stellung des Menschen in einer mehr und mehr automatisierten Welt. Wir folgen einer Gruppe von Forschern, die versuchen, anhand von Wikipedia im Wald zu überleben. Ihr Ziel ist nichts Geringeres als die Schaffung eines alternativen Projekts für das Überleben der Menschheit.
World Brain ist ein Found-Footage-Film, der zum großen Teil aus aufgefundenen Materialien besteht, wie Youtube-Videos, Bildern, wissenschaftlichen oder pseudo-wissenschaftlichen Berichten und Nachrichten-Threads, um dem Zuschauer die globale Vernetztheit der Daten deutlich zu machen. Gleichzeitig wird World Brain von einer interaktiven Website begleitet. Sämtliche Themen, die im Film auftauchen, können hier nachgeschlagen werden. Sie sind bunt verstreut und präsentieren sich in nichtlinearer Form wie auf einer Karte.
Das Transmedia-Projekt, das zurzeit im ZKM Karlsruhe auf der GLOBALE: Infosphere gezeigt wird, feierte im Rahmen der Transmediale 2015 seine Weltpremiere und ist mehrfach ausgestellt worden. Am 8. Dezember findet eine Vorab-Premiere des Films in der Pariser Galerie Gaîté Lyrique statt, in Anwesenheit der Filmemacher, die auch einen Überlebenskurs zum Mitmachen anbieten. Diese Aktion können Sie per Livestream auf ARTE Future verfolgen.

Wir haben mit den beiden französischen Künstlern gesprochen.

 

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ARTE Creative: Was hat euch inspiriert und auf die Idee von "World Brain" gebracht?

Stéphane Degoutin: Eine wichtige Inspiration war der "Whole Earth Catalog". Das ist ein sehr spezieller Katalog, den Stewart Brand Ende der Sechzigerjahre herausgebracht hat. Das alternative Handbuch enthält eine Liste mit Empfehlungen nützlicher Werkzeuge und Geräte und erklärt außerdem, wie man ohne fremde Hilfe eine Gemeinschaft gründet: Wie man zum Beispiel ein Haus baut, Felder bewirtschaftet und so weiter. Das Buch ist ein faszinierender Spiegel des damaligen Zeitgeistes und auch grafisch gesehen hochinteressant. In gewisser Weise ist es relativ naiv, aber dennoch äußerst umfassend. Dieses Buch war eine große Inspiration für die Internetseite worldbrain.arte.tv mit ihren vielen verschiedenen Elementen und Überlegungen. Die ersten Skizzen für die Website hatten grafisch große Ähnlichkeit mit dem "Whole Earth Catalog".

Gwenola Wagon: Einige Macher des "Whole Earth Catalog" wie etwa Stewart Brand haben später eine wesentliche Rolle für die Entwicklung des Internets gespielt: Er war Mitbegründer der ersten Foren und virtuellen Gemeinschaften. Aus einer Netzwerk-Gesellschaft hat sich schließlich das Internet entwickelt. Zwischen diesen beiden Welten gibt es eine Verbindung, und das hat uns interessiert.

SD: Im "Whole Earth Catalog" verbirgt sich ein eindeutiger Widerspruch: Einerseits unterstützt Stewart Brand die Gründung von Hippiekommunen, allerdings mit Hilfe eines kommerziellen Objekts. Schließlich listet der Katalog verkäufliche Waren auf. Im Grunde lebt jede Generation in einem zwiespältigen Verhältnis zur Konsumgesellschaft, zum Profitdenken, Unternehmertum und dergleichen. Und dieser Zwiespalt, der interessiert uns. Im Film haben wir vergleichbare Widersprüche miteinander verknüpft, etwa das Internet und den Wald. Dinge, die man nicht unbedingt miteinander in Verbindung bringen würde.

Welche Rolle spielen das Forscherteam und die Schauspieler in dem Film?

GW: Der Film ist eine Mischung aus einer rein fiktiven Geschichte mit Schauspielern und Forschern, deren Arbeit im Film dokumentiert wird, und einem Teil mit „echten“ Forschern, die ihre Arbeit in Workshops erklären, die sie im Wald oder in den Bergen abhalten. Sie alle sind miteinander vernetzt und versuchen, ein alternatives Projekt zur Rettung der Menschen zu gründen. Wir haben uns gezielt Personen aus der Forschung ausgesucht und diese mit den – nicht zwangsläufig professionellen - Schauspielern konfrontiert. Es sollte zugleich eine fiktive Geschichte und eine Art Dokument – weniger eine Dokumentation - werden.

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Was waren eure Motive für diese Doku-Fiktion? Nach welchen Kriterien habt ihr Personen und Themen ausgewählt?

SD: Den Begriff „Doku-Fiktion“ würde ich nicht verwenden, denn es ist kein Dokumentarfilm. Natürlich dokumentieren Teile des Films die Wirklichkeit, aber es ging uns nicht wirklich um eine objektive Dokumentation. Der Film ist aber auch keine Fiktion, weil es keine Filmfiguren im klassischen Sinne gibt. Wir haben vielmehr versucht, die Charakteristika des Dokumentarfilms und der Fiktion miteinander zu kombinieren. Wir haben sie lediglich als Inspiration benutzt, um den Zuschauern ein vertrautes Raster zu geben. Man könnte vielleicht eher von einem Essay-Film sprechen, ein Begriff, den Chris Marker häufig benutzt hat. Es gibt zwar auch theoretische Elemente, doch diese widersprechen sich auch. Tatsächlich bewegt sich der Film zwischen all diesen Grenzen.

GW: Ich finde die Idee des Essays auch sehr interessant. Sie impliziert, dass man sich auch irren kann. Das passt auch sehr gut zu dem Zitat am Anfang des Films: „Vielleicht ist die Geschichte (der Irrtümer) der Menschheit doch nützlicher als ihre Entdeckungen. » Das Zitat unterstreicht, dass der Irrtum ein wichtiger Bestandteil wissenschaftlicher Forschung ist. Man könnte bei "World Brain" auch von einer „zeitgenössischen Fabel“ sprechen.

Hattet ihr keine Bedenken, dass sich die Elemente bei der Kombination aus Dokument/Realität und Fiktion gegenseitig schaden und der Zuschauer sie nicht mehr voneinander unterscheiden kann?

GW: Ich glaube vielmehr, dass die beiden Elemente sich gegenseitig befruchten und bereichern. Es gibt sehr viele Dinge, die im Laufe des Films immer wieder auftauchen und aufeinander verweisen, wie eine Art roter Faden. Es ist ein bisschen so, als würde man jedes Mal einen neuen Reim entdecken.

SD: Der Film beruht auf einem dualen Konzept. Einerseits entwickeln wir eine lineare Erzählung, die wir später wieder zerstören, insbesondere mit einem Diskurs, den man überspringen kann. Diese spezielle Machart war für uns sehr wichtig, damit der Zuschauer immer eine gewisse Distanz zum Film hat. Jean-Luc Godards jüngste Filme tun das in ganz extremer Weise. Sie reißen den Zuschauer komplett aus dem Film. Wir dagegen lassen ihn abwechselnd darin ein- und wieder auftauchen. In der Hoffnung, dass er auf diese Weise immer einen gewissen Abstand bewahrt.

Es war also von Anfang an klar, dass der Film aus mehreren Elementen besteht? Warum war euch diese Vielschichtigkeit so wichtig?

GW: Es gehört einfach zu den Grundprinzipien des Projekts, ein bisschen wie beim "Whole Earth Catalog". Es ist gar nicht so einfach, ein Projekt zu realisieren, das man gleichzeitig wie ein Buch lesen, wie eine Karte erforschen und wie einen Film ansehen kann. Wir haben drei Lieblingsmedien: Karten, Bücher und Filme, und da diese Medien heutzutage bis in die Netzwerke reichen, schauen wir uns diese im Internet an. Diese Medien werden sich unablässig verändern.

SD: Anfangs wollten wir drei Formen machen: Film, Karte und Buch. Das Endergebnis sah dann so aus: Zu Beginn gibt es einen linearen Film, der den Zuschauer mitnimmt, mit einem Anfang und Ende. Bei der Karte ist es genau umgekehrt: Hier ist es, als wäre das Thema einfach explodiert. Sämtliche Themen, die im Film auftauchen, sind hier bunt verstreut. Zwischen diesen Fragmenten gibt es keinen direkten Zusammenhang, sie sind lediglich durch die thematischen Zonen verbunden, und der Zugang erfolgt über Details. Dennoch finden sich dort sämtliche Elemente des Films wieder. Mit dem Unterschied, dass es kein lineares Muster gibt. Es sind also zwei gegensätzliche Strukturen, die zwar aus ein- und denselben Elementen bestehen, aber auf sehr unterschiedliche Weise erschlossen werden. Im Idealfall sieht man sich zuerst den Film an und erkundet dann die Karte.

Beinhaltet die Karte ein kollektives Element? Ist sie eine Art Experiment, bei dem die Nutzer mitmachen können?

SD: Bei diesem Projekt handelt es sich eher um die Zusammenstellung verschiedener Dinge: eine Auswahl einzelner interessanter Artikel, Bilder und Videos. Es geht dabei nicht unbedingt darum, alles abzudecken. Ganz im Gegenteil: Gewisse Dinge haben wir ganz bewusst weggelassen, weil sie uns aus ästhetischen Gründen nicht wesentlich erschienen. Bei einem kollektiven Format wäre das anders, dann wäre es vielleicht ein bisschen wie Reddit.

Was habt ihr bei diesem Experiment gelernt? Welche Erfahrungen gemacht?

GW: Bei dem Projekt ging es auch um die konkreten Orte und die Infrastruktur des Internets: die Datenzentren, Tiefseekabel und dergleichen. An diese heranzukommen, war extrem schwierig.

SD: Zugang zu Datenzentren zu erlangen, ist extrem kompliziert und erfordert unendlich viel Geduld und Verhandlungsgeschick.

GW: In diesem Moment wurde uns bewusst, dass wir uns vor den Mauern einer Festung oder eines kafkaschen Schlosses befinden. Das hat die Ausgangssituation schon etwas verändert. Wir mussten den Ton entsprechend anpassen. Das war eine der kompliziertesten Aufgaben. Die Linearität mit der Nicht-Linearität zu verbinden, war eine doppelte Herausforderung. Es impliziert ein hochkomplexes Drehbuch. Bei einer rein fiktiven Geschichte geht das noch, aber bei diesem Format mussten wir auf alles gefasst sein!

Gibt es noch etwas, das ihr den Zuschauern von "World Brain" mitteilen möchtet?

SD: Es geht uns nicht darum, eine bestimmte These zu verteidigen. Ganz im Gegenteil - wir wollten eine Frage stellen: „Von wo und wie nähert man sich diesem Thema?“ Die Frage nach der Beschaffenheit des Internets wird häufig aus technischer oder politischer Sicht, vor allem hinsichtlich der Privatsphäre, beleuchtet. Und diese Aspekte sind natürlich auch sehr wichtig. Wir wollten die Frage jedoch unter einem anderen Blickwinkel stellen: nämlich mit Blick auf das Verhältnis des Menschen zu der Welt, in der er sich befindet. Die Frage ist nicht nur technischer oder politischer, sondern auch anthropologischer Natur. Es ist eine sehr wichtige Frage. Die Frage nach dem Menschen in der Netzwerkgesellschaft.

GW: Es ist eher die Geschichte einer bestimmten Atmosphäre, ein Stimmungsbild, eine Kombination aus dem wahren Leben und aus Fantasiegebilden. Wir haben uns dabei von Filmen und persönlichen Fantasien inspirieren lassen. Wir haben uns diese gut vernetzte Gruppe vorgestellt, die nur dank Wikipedia im Wald überlebt und sich in keiner Weise in einer linearen Dialektik befindet. Wir sind zugleich im Wald und miteinander vernetzt, und wir überleben.

Wie seht ihr "World Brain" in der Zukunft ?

GW: Der Aspekt des Zeitdokuments einer Epoche ist sehr präsent. Es ist eine Art Spur. Und es ist der Versuch, eine bestimmte Art von Filmen zu machen, die wir noch weiter austesten werden. Wir werden auch weiterhin Fragen nachgehen, um die Geschichten zu begreifen und erzählen, die im Netz herumschwirren.

SD: Und es geht um die Frage, wie man einen komplexen, ambivalenten Gedanken entwickeln kann. Um Projekte, die sich nicht auf eine einzige Sichtweise reduzieren lassen. Das ist uns sehr wichtig und das wird es auch weiterhin sein. "World Brain" ist eine Etappe auf unserer Suche.

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Aktuell:

ARTE Creative stellt World Brain bei der Ausstellung GLOBALE: Infosphere im ZKM Karlsruhe als Installation vor und zeigt den Film - vom 4. September bis 31. Januar 2016.
Filmvorführung und Überlebenskurs am 8. Dezember 2015 in der Pariser Galerie Gaîté Lyrique

Links:
Die interaktive Seite "World Brain" 
"World Brain" auf Facebook
"World Brain" Event an der Transmediale auf Facebook
Transmediale - Homepage
Gwenola Wagon
Stéphane Degoutin

Auf ARTE:
World Brain am 15. Dezember 2015 um 23.30 Uhr

 

 

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