Markus Keibel - Wie oben, so unten

Markus Keibel - Wie oben, so unten

Kunst wie Puder. Er streut, er zerstört, zerbricht und baut das Zerstreute wieder neu zusammen. Er fängt menschliche Spuren auf seinen Leinwänden auf und hält mit seinen Objekten der hochnäsigen Kunstwelt einen zerbrochenen Spiegel vor. Der Berliner Künstler Markus Keibel zeigte in der Artary Galerie sein jüngstes Werk "Wie oben, so unten" - und wieder wird klar: sein Medium ist das Flüchtige - das ungreifbare Jetzt. Die Kunst als Puder und ein Kontext, der das Werk selbst zum soziologischen Gegenstand macht. Ein Kreis war es diesmal, der den Besuchern zum Hindernis werden sollte. In der Artary Galerie in Stuttgart-Mitte gab es fast keine andere Möglichkeit als den Puderzirkel - bestehend aus den Farbpigment orange, dann pink, rot und schließlich blauen Bahnen - mit Schritten zu durchbrechen. Schritt für Schritt verflüchtigte sich auf diese Weise das, was vorher noch als eine klare Aufteilung erkennbar war: Zentrum und Peripherie, Kontrast und Ausblendung, wurden mit jedem weiteren Besucher der Galerie zu einem dynamischen Farbgemisch, in dem die Besucher dann erneut Spuren hinterließen. Ein Schuhabdruck wurde von dem nächsten überlagert, der Puder mischte sich immer wieder aufs Neue und dabei verschmutzte bzw. verfärbte das Werk auch die weißen Wände und den Eingangsbereich der Galerie unaufhaltsam. Als dann schließlich noch die jüngeren Besucher energisch im Farbpuder herumtanzten, ihn aufwirbelten und die Wände und sich selbst bepuderten, war von der ursprünglichen Geometrie der Installation nichts mehr zu erkennen. Was macht Kunst mit uns, heute? - Beschmutzt sie uns? Oder bestäubt sie uns mit Schönheit? Auf der Suche nach diesen Antworten bewegt sich "Wie oben, so unten" um den prozesshaften Ausgangspunkt, von dem aus versucht wird, eine Definition zu finden, über das hinaus was Kunst heute ist - oder sein will. Ähnlich wie Santiago Serras performative Raumkunst, zeigt Keibel, dass sich Kunst heute nur noch aus sich selbst heraus generiert. Und in ihrer sozialen Komplexität, in all dem was sie umgibt, besteht ihre Selbstreferentialität. Doch auch das Flüchtige und Unstrukturierte, so zeigt uns Keibel, ist eben jenes Abstraktum, das Spuren hinterlässt - an uns und auch im Zeichen des Artifiziellen. Seine interaktiven und immer ortsspezifischen Installationen schaffen eine Verbindung zwischen Umwelt und Kunst - eben durch den Ansatz des Flüchtigen. So erinnern Keibels Werke in ihrer Bedeutung mehr an die Methodik der Sozialwissenschaft, an die der Intersektionalität, begründet durch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu, dessen Grundprämisse darin bestand, dass eine Forschung immer einen empirischen Gegenstand zugrunde legen muss. Bourdieu wandte sich damit gegen die luftschlossartigen Theorien der Strukturalisten und führte seine Thesen zurück zum Beobachtbaren. Auf diese Weise erhoffte er sich eine Sozialwissenschaft, die Gesellschaft als so komplex versteht, dass sie jedes einzelne soziale Feld mit den darin spezifisch geltenden Regeln untersucht. Seine kleinteilige Art der Dekonstruktion von Struktur und sein deduktives Verfahren brachten ihn zu seiner Theorie der Praxis - die wahrscheinlich heute mehr denn je auf das Wesen des Kunstmarktes anwendbar ist. Denn indem der poststrukturalistische Objektivismus - und auch der künstlerische - nur das vollendete Werk, nicht aber dessen Genese analysiert, überzieht er die Praxis mit einer Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit, die ihr gerade nicht eigen ist. Deutet man Keibels Pigmentzirkel als eine Art soziales Feld, dessen Regeln in einer klaren Struktur nachvollziehbar sind, so besteht die Dekonstruktion - ganz im Bourdieuschen Sinne - in der Auflösung dieser. Und diese temporäre Schönheit, die sich in einer Art Sentimentalität des Materials selbst zeigt, macht die Materialien lebendig, sodass sie ihren ganz eigenen nicht objekthaften Sinn zu enthüllen vermögen. So wird schließlich etwas, das zunächst wie ein Chaos wirkt, als eigentlich originäres Element der Kunst enthüllt - mit einem wohligen, befreienden Beigeschmack. Bourdieu folgend, kommt es auch Keibel darauf an, die Logik der Praxis zu beschreiben, auch wenn diese nicht identisch mit der Praxis der Logik ist. Denn die Logik der Praxis ist, wie Bourdieu an einer Stelle formuliert, logisch bis zu jenem Punkt, an dem Logischsein nicht mehr praktisch wäre. Menschliche Spuren sind es also eigentlich, die Keibel einzufangen versucht. Ähnlich wie Bourdieu, der für seine Theorie einen empirischen Gegenstand braucht, so braucht Keibel seinen Besucher mit seinen Fußstapfen. Eingefangen wurden die Spuren von Keibel im Nachhinein: Die Pigmente wurden von ihm auf Leinwand abgedruckt und sind nun wieder, als neue - und doch empirisch begründete Werke - in der Artary Galerie noch bis zum 20. Mai 2011 zu bewundern. Mit dem wohligen Gefühl des Chaos und mit pigmentbestäubten Schuhen verlassen die Besucher heute den Ort der Kunst und tragen diese ein stückweit auf die Straße. Denn vielleicht hat sich in der Kunstwelt tatsächlich eine Struktur, ein Habitus eingebürgert, den es sich lohnt, zu hinterfragen. Bourdieu beschrieb die Kunst als Mittel für einen klassenspezifischen Distinktionsgewinn. Das Werk "Wie oben, so unten" befreit die Kunst aus jener Sinnhaftigkeit der sozialen Hierarchisierung und gibt ihr einen neuen, analytischen, doch freien Raum der Möglichkeit. Markus Keibel - Wie oben, so unten, 09. April - 20. Mai 2011. Finissage: 20. Mai 2011,19h Artary Galerie, Wilhelmstraße 5, D-70182 Stuttgart. Text: Mascha Kuchejda

Letzte Aktualisierung

21.04.2011 - 12:07

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