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Abenteuerliche und skurrile Parallelwelten: "Wenn ich Diktator bin" und "Synaps", ein Film und eine Web-Doku von Yaël André

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ARTE Creative

Es sind Hunderte Stunden Filmmaterial, die über Jahrzehnte auf Dachböden, in Kellern und auf Flohmärkten verstaubten. Bis Filmemacherin Yaël André sie in zehn Jahren mühevoller Kleinarbeit auswertete und damit die individuellen Geschichten und Erinnerungen fremder Menschen aus ihrem Dornröschenschlaf weckt. Sie entwirft einen Erzählstrang, an dem sie diese Amateurfilme und eigene Aufnahmen aufreiht. Für sie sind die Filmausschnitte Teil eines kollektiven Gedächtnisses, dem sie Leben einhauchen will. Andrés Film "Wenn ich Diktator bin" wird am Montag, den 2. Juni um 23.45 Uhr, auf ARTE ausgestrahlt und das partizipative Webprojekt "Synaps ist jetzt online.

Du bist etwas verwirrt? Du hast den Geburtstag deines besten Freundes völlig vergessen? Außerdem kannst du dich überhaupt nicht mehr daran erinnern, wie deine Kindergärtnerin aussah? Noch an die Farbe des Sofas deiner Großmutter, die doch jeden Mittwochnachmittag auf dich aufpasste? Alles in allem könnte man dich als eher vergesslichen Menschen bezeichnen? Das macht überhaupt nichts: Synaps hat Erinnerungen für dich gespeichert! Synpas ist ein interaktives Weberlebnis und bietet euch die Gelegenheit, eure verlorene "Erinnerungen“ wiederzufinden und sie wiederherzustellen. Ihr könnt aus dem umfangreichen Material des Films "Wenn ich Diktator bin" Szenen auswählen – exquisite Super 8-Bilder der 40er-Jahre bis heute - und sie in eine Reihenfolge bringen. Ihr könnt eure Erinnerungen ganz individuell gestalteten: eine Musik auswählen, einen Titel geben, sie mit einer Botschaft versehen und damit das kollektive Gedächtnis des Gehirns von Synaps füttern.Aber Achtung: Die Erinnerungen in diesem Gehirn verblassen mit der Zeit, wenn sie nicht ausreichend angesehen wurden oder wenn für sie nicht gevoted wurde. Alle weiteren notwendigen Infos findet ihr hier, auf der Website von Synaps. ARTE Creative hat sich mit der Filmemacherin unterhalten:

ARTE Creative: Was interessiert Sie an "der Erinnerung"? Was bedeutet für Sie "Erinnerung"?
Yaël André: Die Erinnerung an sich interessiert mich gar nicht so besonders. Jedoch fand ich den Gedanken interessant, Bilder aus der Vergangenheit aufzugreifen – Bilder, die buchstäblich "tot“ waren, weil man sie zumeist vergessen, weggeworfen, nicht mehr beachtet hatte - und daraus etwas Lebendiges und Neues zu machen. Das ganze Projekt Synaps beruht auf diesem bildlichen Bezug zur Vergangenheit: ich wollte keinen Tempel der Erinnerung erschaffen, sondern eine Ode an die Gegenwart, ohne die Kraft und die Würze des Vergangenen zu leugnen. Diese immer noch sehr lebendigen Super 8-Bilder sollten ihre ganze kraftvolle Präsenz offenbaren und als Nachrichtenträger unter den Menschen von heute fungieren…

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Was fügt die Web-Doku dem Film hinzu?
Das sind zwei völlig verschiedene und voneinander unabhängige Projekte. Gemeinsam ist beiden natürlich das "Found Footage“ aus Normal 8- und Super 8-Bildern, und dass man sich die Bilder zu Eigen macht. Der Film "Wenn ich Diktator bin" erzählt eine Geschichte, nämlich die meines auf tragische Weise verstorbenen Freundes Georges - und er ist der spielerische, manchmal auch fröhliche Versuch, der Frage nach Trauer und Tod nachzugehen. Synaps hingegen bietet den Usern die Möglichkeit, einander Geschichten zu erzählen, Szenen aufzugreifen, die wir Ihnen zur Verfügung stellen, und sich im Internet Super 8-Postkarten zuzusenden.

An den Tönen, der Musik und der Stimme für das Projekt wurde viel gearbeitet. War es Ihnen wichtig, die Emotionalität der Bilder durch Töne auf die Website SYNAPS übertragen zu können?
Die meisten Super 8-Bilder, die wir für den Film verwendet haben – im Wesentlichen Bilder von befreundeten Familien, auf dem Flohmarkt gefundene oder von mir gedrehte Bilder –  sind stumm. Und wenn sie nicht stumm sind, ist der Original-Super 8-Ton oft zu schadhaft, um noch verwendbar zu sein. Nun besteht aber ein gewaltiger Unterschied zwischen einem Bild ohne und einem Bild mit Ton. Seltsamerweise ist es, als beruhte ein großer Teil der Wirklichkeitsnähe und der Emotionalität einer Szene auf ihrem Ton! Bei Synaps haben wir diese Erfahrung immer wieder gemacht: ein Bild nahm offensichtlich eine greifbarere und lebendigere Existenz an, wenn eine Tonspur hinzukam; es war, als würde es wieder zum Leben erweckt… Außerdem gehörte es natürlich zur Ursprungsidee des Projektes, ein Bild aus der Vergangenheit mit Tönen von heute zu interpretieren, um den Bildern eine besondere Aktualität zu verleihen. Und die Mitarbeiter, die sich bei der Arbeit an der Tonspur von Synaps ein Bein ausgerissen haben, haben das glänzend gemacht: Luc Plantier und Sabrina Calmels, verantwortlich für Schnitt und Tonschnitt, assistiert von Mathieu Roche und Dominik Guth. Der Komponist Hughes Maréchal hat schließlich in Rekordzeit 25 großartige Musikstücke komponiert – mit der Absicht, die Atmosphäre der 40er- bis zu den 80er-Jahren einzufangen und so die Jahrzehnte der Blütezeit des Super 8 musikalisch zu begleiten…

Was bedeuten für Sie all die Stunden Film, die sich auf der Website Synaps wiederfinden?
Als wir den Film fertig hatten, sagten wir uns, dass wir das vorhandene Material bei weitem nicht ausgeschöpft hatten, aber glücklicherweise erlaubte uns Synaps, erneut mit diesem unglaublichen Rohmaterial zu arbeiten. Und als wir mit Synaps fertig waren, sagten wir uns erneut, dass es uns nicht gelungen war, das Potential unserer hundert Stunden auszuschöpfen!... Denn hundert Stunden sind nur ein Tropfen im Ozean der Super 8-Bilder. Kurzum: Es bleiben noch Tausende von Bildern zu entdecken und Tausende von Geschichten zu erzählen.

Was ist Ihr Lieblingsfilm auf der Website?
Das kann man unmöglich sagen. Es gibt 400 Szenen, 400 vergangene Augenblicke, die alle ihre eigene Färbung, ihre Musik und ihre Atmosphäre haben… Man kann unmöglich einen davon bevorzugen. Für jede Minute des Tages gibt es einen Augenblick: muss man sich für einen Augenblick entscheiden?

Wie kamen Sie darauf, sich mit dem Thema Gedächtnis, Erinnerung und Gehirn zu beschäftigen?
Die Überfülle an kostbaren und schönen Bildern verlangte danach, für ein weiteres Projekt verwendet zu werden. Es drängte sich geradezu auf, mit diesen Bildern in Bezug auf die Begriffe Gehirn und Gedächtnis zu arbeiten. Was jedoch die Inszenierung dieser Bilder in einem Gehirn angeht, so kam es bei der Gestaltung der Website zu einer intensiven Zusammenarbeit mit Sébastien Cappe von der Agentur Pan!, der sich im Netz viel besser auskennt als ich. Und es war mir eine wahre Freude, mit jemandem zu arbeiten, der so erfinderisch und kreativ und so voller Ideen ist, und der meine abstrakten Vorschläge buchstäblich in Bildschirmgrafik übersetzt hat. Und hinter Sébastien steht noch ein ganzes Team von Web-Entwicklern, Web-Designern und Internet-Profis. Insgesamt hat Synaps zwei Teams beschäftigt: das eine in Belgien für den Film- und Medien-Teil des Projekts, das andere in Frankreich für den Internet-Part.

Drehen Sie auch heute noch Super 8-Filme?
Ja, und zum Glück bin ich nicht die Einzige (sonst hätten die Super 8-Labore längst geschlossen!): Vor allem heute, wo die professionellen Filmformate (16 und 35 mm) tragischerweise am Verschwinden sind, gibt es eine ganze professionelle Filmszene, die sich diesem Format verschrieben hat, aber auch Amateure. Tatsächlich ist es gar nicht kompliziert, auf Super 8 zu drehen, man muss nur wissen, wo man das Filmmaterial kaufen und wohin man die Filmrollen zur Entwicklung geben kann. Und der gewaltige Vorteil - abgesehen von der Schönheit der Bilder – ist es, zu wissen, dass die Aufnahmen, die man gemacht hat, eine längere Lebensdauer haben als die Mehrzahl der digitalen Bilder von heute.

Seit wann sind Sie dem Charme dieses Filmformats erlegen?
Ziemlich bald, nachdem ich begonnen hatte, meine eigenen Filme zu drehen, habe ich Super 8 entdeckt ; es erschien mir wie ein filmisches „Spielzeug“, ein nicht sehr seriöses Mittel, um Filme zu drehen. Als ich damals von der Filmschule abging – die der Haltung des Regisseurs und seiner Handschrift großen Wert beimaß  – war das perfekt für mich. Das war vor 17 Jahren, und ich habe mir angewöhnt, neben meinen anderen Projekten, auf Super 8 zu drehen, da es ein geschmeidiges und einfaches Format ist. Aber was sind schon 17 Jahre im Hinblick auf die Vergangenheit und auch die Zukunft dieses Formats. Man muss sich vorstellen, dass der Großteil der Bilder, die die Menschen heute mit ihrem Handy – oder einer beliebigen anderen Videokamera – aufnehmen, in 10-15 Jahren vermutlich verschwunden sein wird, da dies sehr flüchtige Datenträger sind. Wohingegen manche Bilder des Films oder der Web-Doku bisweilen 60-70 Jahre alt sind und in technischer Hinsicht keine einzige Schramme abbekommen haben. Noch heute wird man nicht besonders ernst genommen, wenn man Profis aus der Branche sagt, dass man einen Super 8-Film dreht – aber mir sagt das heute noch genau so zu wie vor 17 Jahren. Abgesehen davon kann man Super 8 nicht zu einer Religion machen: jeder Film folgt seiner eigenen Logik und fordert also ein Format, das der Erzähllogik des Films entspricht.

Welche Bedeutung hat dieses Bildformat für Sie?
Super 8 ist mehr als ein Effekt, den man einem Bild aufdrücken könnte (eine gewisse Sättigung, Kratzer, eine gewisse Unschärfe und das Sprunghafte der Bilder…). Natürlich hat der Vintage-Aspekt etwas Verführerisches, aber abgesehen davon ist es ein Format, das eine bestimmte Art und Weise des Filmemachens hervorgebracht hat. Da das Filmmaterial Geld kostete - die Bilder waren nicht gratis wie auf den digitalen Datenträgern von heute - hatte auch das so erzeugte Bild einen Preis: man filmte nicht einfach irgendwas, irgendwo und irgendwie. Selbst wenn sie intuitiv und direkt sind, haben diese Bilder eine Kadrierung, sie sind schön und geben die Welt in den seidenweichen Farben des Super 8 wieder…

Es heißt, dass Super 8 oft für den Amateurfilm verwendet wurde. War es Ihr Ziel, Super 8 in der professionellen Szene zu etablieren?
Nicht ich habe den professionellen Einsatz von Super 8 erfunden! Ebenso wenig wie die Verwendung von "Found Footage“… Da gibt es zum Beispiel die großartigen Arbeiten von Filmemachern wie Ricci Lucchi und Gianikian, Péter Forgács, Martin Arnold; Auch Guy Debords "In Girum“ oder Vincent Monnikendams "Mother Dao“ und Virgil Widrichs "Fast Film“, um nur einige zu nennen… Es wäre  übrigens gut, ein Programm mit dieser Art von Filmen zusammenzustellen, die einen frischen Blick auf das Vergangene werfen und dabei etwas Neues entstehen lassen…  Damit meine ich nicht das "Found Footage“- Genre in seiner a priori vorwiegend anglophonen Bedeutung, das  sich dem Horror- oder dem fantastischen Film verschrieben hat und angeblich "gefundene“, authentisch wirkende Videoaufnahmen verwendet.

Interview: Sabine Lange und Annabelle Bendel

Das Webexperiment "Synaps"
Am Ende der kreativen Erstellung Ihrer Erinnerung haben Sie die Möglichkeit, diese zu teilen, sowie Ihr Werk anderen Usern, die ebenfalls Erinnerungen erstellt haben, oder einfachen Besuchern zu präsentieren. Sie können sie auch per E-Mail an einen Freund senden oder auf den sozialen Netzwerken posten. Eine Erinnerung erstellen und sie teilen, als sei sie die eigene. Sie haben auch die Möglichkeit bereits erstellten Erinnerungen Ihre Stimme zu geben, denn Sie werden feststellen, dass sie auch bei Ihnen etwas Besonderes auslösen. Weil Ihre Erinnerung ist auch die unsere. Jede erstellte, zugleich individuell gestaltete und kollektive Erinnerung wird zu einem kleinen eigenständigen Film mit seinem eigenen Titel, seiner Botschaft und seiner kleinen Musik, der das kollektive Gedächtnis des Gehirns füttern wird.

Die Website Synaps funktioniert wie ein echtes Gedächtnis: die Erinnerungen verblassen mit der Zeit, wenn sie nicht ausreichend angesehen wurden oder wenn für sie nicht gestimmt wurde. Sie sollten Ihre Erinnerung also teilen und neue Erinnerungen erschaffen, damit sie niemals verblassen. Einen Super 8-Filter über Ihre eigenen Videos legen. Eine weitere Möglichkeit der Partizipation, die nicht mit dem Bilderfundus von SYNAPS spielt, setzt mehr auf neue, spontan auf Instagram und Vine gepostete Erinnerungen. Unter Verwendung des Hashtags #SYNAPS auf den sozialen Netzwerken Vine und Instagram haben Sie die Möglichkeit, das kollektive Gedächtnis mit Ihren eigenen Videos zu füttern. Dort wird automatisch ein Super-8-Effekt hinzugefügt, und die #Synaps-Videos finden sich auf einer für die von den Usern gefilmten Erinnerungen reservierten Seite wieder.

Film
"Wenn ich Diktator bin"
von Yaël André, Ausstrahlung am Montag, den 2. Juni um 23.45 Uhr

Links
• Synaps: das Webprojekt
"Wenn ich Dikator bin" - der Film
• Die Webagentur Pan!

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