Die Idee des Jahres - 4 : O phone

Die Idee des Jahres: Duftende SMS, Fahrrad im Handtaschenformat und schwebendes Skateboard

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ARTE Creative

ARTE Creative hat einhundert Persönlichkeiten aus der Kunst- und Kulturwelt gefragt: Was ist die Idee des Jahres 2104? Zehn unkonventionelle, radikale und besonders innovative Ideen werden hier vorgestelolt. Eine Idee als Video, neun Ideen in Textform. Keine Visionen oder Utopien, sondern ganz konkrete Produkte, Dienstleistungen und Werke aus der Kunst, Kultur- und Kreativwirtschaft. Diese Webserie entsteht in Kooperation mit ZEIT Online

41. "O-Phone"

Das aromatische Kommunikationszeitalter ist eingebrochen: Eine Hardware namens "O-Phone" soll es möglich machen, mit seinen Telefonkontakten Eindrücke künftig nicht nur visuell und verbal zu teilen, sondern auch über Gerüche: Mit der Anwendung "oSnap" kann man rund 30.000 Aromen versenden - und zwar ganz einfach per Textnachricht. "Heute sagt ein Duft mehr als tausend Bilder", sagt Erfinder David Edwards. Edwards ist Professor an der amerikanischen Elite-Uni Harvard und Leiter des französischen Labors "Le Laboratoire". Dort haben bei der Kreation der rund 300.000 Gerüche Studenten, Künstler, Wissenschaftler und Designer zusammengearbeitet. "Zuerst haben viele gesagt: Aus einem Gefühl kann man niemals ein Aroma machen", erzählt Mitarbeiter Antoine Mahy, "aber als sie merkten, dass wir es ernst meinen, haben sie begonnen, diverse Situationen mit Gerüchen zu assoziieren". Die aktuelle Version des oPhones enthält vier Chips, die 32 verschiedene Duftnoten zusammenmischen können. Zwei Röhren, die wie Lautsprecher aussehen, erzeugen beim Empfänger den versendeten Duft. So gehen Gefühle bald auch durch die Nase, denn: die ersten Prototypen des oPhones gibt es bereits.

42. GIF-Automat

Zurück aus der digitalen Welt in die reale holt uns das "Giphoscope", der erste analoge GIF-Reader der Welt. Es ist eine Art interaktive Skulptur, die Italiener Alessandro Scali und Marco Calabrese am Kikk Festival 2014 in Namur (Belgien) vorgestellt haben. Das mit viel Geduld und Leidenschaft gefertigte "Giphoscope" verwandelt GIFS und Videoclips kurzerhand in hübsche Kunstwerke, die den Eindruck machen als seien sie selbst gemalt. Wie beim Daumenkino, das in den 1890er Jahren von Herman Casler erfunden wurde, lässt sich eine Abfolge von 24 Standbildern drehen. So wird die Technologie des 19. Jahrhunderts geschickt mit der des 21. verbunden und das digitale Video zum nostalgischen Bewegtbild.

43. "Griselda Projekt" – vorgestellt von Marlene Streeruwitz, Schriftstellerin

"Ich kann da nur auf mein "Griselda Projekt" hinweisen: Der Roman "Nachkommen." und der Folgeroman "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland" sind in diesem Projekt bereits verwirklicht und 2014 erschienen. Daraus weitergeführt soll es eine Geldsammelaktion für Frauenprojekte in Athen geben, dazu müssen erst in Griechenland die Möglichkeiten geschaffen werden, das Geld ohne Probleme in Empfang nehmen zu können. Das "Griselda Projekt" ist ein künstlerisches Forschungsprojekt über den Gehorsam und soll aufspüren, in welchen unserer so vielgepriesenen kulturellen und vor allem identitätsstiftenden Werten eigentlich Gehorsam versteckt ist. 2015 soll eine autobiografische Untersuchung unter dem Titel "Fabrics of my Life" diese Forschung radikal auf mich selbst zurückführen und von da aus wiederum neue Schlüsse auf das Allgemeine erlauben. Mit diesem Projekt soll einmal mehr die Frage nach dem Mangel gestellt werden und wie Mangel als Überfluss maskiert eine Beraubung sein kann." - Marlene Streeruwitz, Schriftstellerin

44. "Hendo Hoverboard"

In Teil zwei der Science-Fiction-Triologie "Back to the Future" gleitet Marty McFly auf einem Hoverboard elegant durch die Straßen von Hill Valley. Der Amerikaner Greg Henderson will diese Zukunftsvision nun Wirklichkeit werden lassen – und hat das so genannte "Hendo Board" erfunden, mit dem man knapp drei Zentimeter über den Boden schweben kann. Für einen ersten Testflug hat er Conor Dougherty, einen Journalisten der New York Times, eingeladen. Derzeit funktioniert der "Hendo Hover" nur auf metallenem Untergrund. Auf Kickstarter sammelt Erfinder Greg Henderson seit Kurzem Geld für die Weiterentwicklung des futuristischen Boards. Wohlhabende Science-Fiction-Fans, spendet!

45. "Viridis"

Die Grenze zwischen virtuellem und realem Raum erscheint nun komplett aufgelöst. Mit dem Alternate-Reality-Game "Viridis" hat das Kollektiv "Art-Arc" ein Hybrid aus Adventure-Spiel, Online-Treffpunkt und sozialer Unternehmung geschaffen: In "Viridis" verwaltet der Spieler eine real existierende Spirulinafarm im Norden von Frankreich, etwa zehn Kilometer von Le Vigan in den französischen Sevennen entfernt. Er findet sich dort in einer Art photorealisitischer Welt wieder, wo er, gemeinsam mit der restlichen Community, Entscheidungen treffen muss: Er muss die Mikroalgen, die gegen Mangelernährung eingesetzt werden, angemessen pflegen und im richtigen Moment ernten. Eine spielerische und soziale Art und Weise euren grünen Daumen einzusetzen.

46. "Tattoo-Drucker" - vorgestellt von Tony Weigartner, Künstler:

"Während ihre Kommilitonen ein Kleid entwerfen, Lampen, Sessel oder Schmuck basteln, revolutionieren drei Studenten der "Ecole nationale supérieure de création industrielle" (ENSCI) mit ihrem Abschlussprojekt die Tätowierkunst: Sie haben einen 3D-Drucker so manipuliert, dass er perfekte Muster auf die Haut zeichnet. Die Tätowiernadel ersetzt den Extruder des Druckers. Sie erhält über einen Sensor Informationen zur Hautoberfläche und passt ihre Zeichnung daran an. Das Resultat kann sich sehen lassen: Der Tattoo-Drucker sticht um einiges präziser als ein Mensch. Mit dem Drucker lassen sich übrigens sämtliche Stellen des Körpers tätwowieren.", Tony Weigartner, Künstler

47. "Long Distance Art"

Ein Künstler, zwei Roboter, drei Städte: Während Alex Kiessling an einem Bild in Wien arbeitete, fertigten zwei 300 Kilo schwere Maschinen für ihn Kopien in Berlin und London an – und zwar gleichzeitig. Der 33-Jährige bediente sich eines Infrarot-Sensors, um die Bewegungen seines Stiftes aufzuzeichnen und sie via Satelliten an die zwei, am Trafalgar Square und am Breitscheidplatz stationierten, Roboter zu senden. Mit seiner "Long Distance Art" will Kiessing die, einst von Andy Warhol & Co. gefeierte, Problematik der Kopierbarkeit von Kunst thematisieren.

48. "Kit Bike"

Radfahren ist in Zukunft nicht mehr nur sportlich, öko und en vogue, sondern auch noch praktisch und schick: Das neue "Kit Bike" im Minimal-Style, hergestellt von der indischen Firma "Lucid Design", lässt sich nämlich schnell und einfach in seine 21 Einzelteile zerlegen und als Leder-Handtasche transportieren.

49. "Wiener Nachbarinnen"

Migrantinnen integrieren Migrantinnen: Das ist das Konzept des Projektes "Wiener Nachbarinnen", gegründet von der Ärztin Christine Scholten und der Sozialarbeiterin Renate Schnee. Wo Österreicherinnen oft aus sprachlichen und kulturellen Gründen an Grenzen stoßen, sollen Frauen, die selbst aus der Türkei, aus dem Sudan, aus Ägypten, Somalia oder Tschetschenien nach Wien gekommen sind, ihre Landsleute jeweils acht bis zwölf Wochen lang im Alltag unterstützen, sie zu Hause besuchen, sie zum Arzt, zum Elternsprechtag oder bei Amtsgängen begleiten. "Ziel ist, das Vertrauen der Familien zu gewinnen und sie vom Rand in unsere gesellschaftliche Mitte zu holen", sagt Renate Schnee. Das Projekt wird über Crowdfunding finanziert, so konnten bereits 13 Nachbarinnen in Teilzeit angestellt werden. Nächste Woche startet übrigens das erste Seminar: Interessierte Frauen können sich zu Näherinnen ausbilden lassen.

50. "The Ocean Cleanup" 

Die Weltmeere vom Plastik säubern? Das erscheint nicht länger als eine realitätsferne Vision, seit der 19-jährige Niederländer Boyan Slat "The Ocean Cleanup", ein System aus schwimmenden, in V-Form angeordneten Schläuchen konzipiert hat, das die natürlichen Meeresströmungen nutzt, um Abfall aus dem Wasser auszusieben. Im Juni dieses Jahres hat eine Studie die Machbarkeit seiner Idee bestätigt. Durch eine erste Crowdfunding-Kampagne konnte Boyan Slat bereits genügend finanzielle Mittel akquirieren, um das Projekt Wissenschaftlern auf der ganzen Welt vorzustellen.

Weitere Ideen: 
Die Ideen des Jahres 1-10: Kaffee-Kraftstoff, Edward Snowden und ein twitternder Dachs
Die Idee des Jahres 11-20: Solarleuchten, Mini-Drohnen und Entscheidungsfindung per Crowdsourcing
Die Ideen des Jahres 20-30: Roboter für Kinder, Anthropozän und ein psychatrisches Softwarediagnosegerät
Die Idee des Jahres 30-40: Futuristisches Eis, Plastikflaschen-Insel und Musik-Tattoos

Credits:
Video-Produktion: Martin Dunkelmann, Musik: https://soundcloud.com/akia. In Kooperation mit: ZEIT Online.

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