Die Idee des Jahres - 3  - Wunschmachine

Die Idee des Jahres: Roboter für Kinder, Anthropozän und ein psychiatrisches Softwarediagnosegerät

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Martin Dunkelmann

ARTE Creative hat einhundert Persönlichkeiten aus der Kunst- und Kulturwelt gefragt: Was ist die Idee des Jahres 2104? Zehn unkonventionelle, radikale und besonders innovative Ideen werden hier vorgestelolt. Eine Idee als Video, neun Ideen in Textform. Keine Visionen oder Utopien, sondern ganz konkrete Produkte, Dienstleistungen und Werke aus der Kunst, Kultur- und Kreativwirtschaft. Diese Webserie entsteht in Kooperation mit ZEIT Online

21. "Tinkerbots" - vorgestellt von Kay Meseberg, Leiter ARTE Future

"Was bislang die Industrie an elektronischen Spielzeugen auf den Markt warf, war oftmals nur umständlich für Kinderhände hackbar und staubte darum schnell vor sich hin. Insofern förderten bisherige Spielzeuge mit Elektroanteil nur wenig die spielerische Auseinandersetzung mit Robotern & Co. Die Tinkerbots eilen da viele Schritte weiter und zeigen ein Spielzeug, dass nicht nur die Nerd-Eltern freudig strahlen lassen, sondern auch die Kinder-Herzen im Sturm erobern dürfte." – Kay Meseberg, Leiter ARTE Future

22. "ColaLife" - vorgestellt von Robert Klanten, Gründer & Verleger Gestalten

"ColaLife zeigt, dass ungewöhnliche Allianzen und intelligente Gestaltung Leben retten können. Wer bereits in Entwicklungsländern gereist ist, wird – mehr oder weniger überrascht – festgestellt haben, dass man selbst in den entlegensten Gegenden Coca-Cola bekommen kann. Was man dort aber häufig nicht findet, ist medizinische Grundversorgung. Noch immer ist die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern viel zu hoch, laut ColaLife-Gründer Simon Berry sterben eins von fünf Kindern vor ihrem 5. Geburtstag. Eine der häufigsten Ursachen sind Durchfallerkrankungen. Wie wäre es also, wenn die einfachen, aber lebensrettenden Medikamente über die gleichen, ausgeklügelten privaten Vertriebswege wie Coca-Cola dorthin gelangen könnten, wo sie benötigt werden? ColaLife hat auf Grundlage dieser Feststellungen ein Huckepack-System entwickelt, das ermöglicht, die Verfügbarkeit von essentieller Medizin zur Durchfallbehandlung zu erhöhen. Das Kit Yamoyo enthält WHO-Trinklösungen, Zink, Seife und einen Beipackzettel, die Verpackung dient zeitgleich als Mess- und Trinkbecher. Das Kit ist so gestaltet, dass es genau in die Freiräume eines vollen Getränkekasten passt, so können mit jedem Coca-Cola Kasten 10 solcher Kits transportiert werden. Zur Zeit wird die Idee in Sambia erprobt." – Robert Klanten, Gründer & Verleger, Gestalten

23. "Mardinoir" - vorgestellt von Mathieu Tremblin, Künstler

"Im Rahmen der künstlerischen Gestaltung der Baustelle der ZAC Renaudais in der Stadt Betton bei Rennes haben die Stadtplaner der Groupe Giboire und die Stadt Betton den Künstler Arzhel Prioul alias Mardinoir dazu eingeladen, die Aufstellung mehrerer ephemerer Kunstwerke auf dem Gelände zu koordinieren. Den Anfang macht „Calderpillar“, eine Installation der Frères Ripoulain, die erstmals bei der Nuit Blanche Paris 2012 gezeigt wurde. Hier wurde sie an die Möglichkeiten in Betton angepasst und von Sylvain Crozet beleuchtet. Calderpillar ist ein riesiges urbanes Mobile, dass einerseits an eine Kinderzimmerdekoration, andererseits an Alexander Calders überdimensionale Skulpturen erinnert – nur dass die bunten, geometrischen, Elemente durch massive, industrielle Formen ersetzt wurden. Das Gebilde aus Gegenständen, die von der gegenüberliegenden Baustelle stammen, wurde an der Spitze eines Krans auf der ZAC Renaudais  aufgehängt und schaukelt dort langsam vor sich hin. Mathieu Tremblin, Künstler

24. "Psychos Generator" - vorgestellt von UBERMORGEN, Künstlerduo

"Die besten Ideen des Jahres? Der "Psychos Generator"! Es handelt sich um ein psychiatrisches Softwarediagnosegerät. Der 'Patient' beantwortet eine Reihe von Fragen, bekommt dann die ICD-10 Diagnose und gleich dazu das Rezept für die entsprechenden Medikamente (ausdruckbares Pdf). Es handelt sich hier um die Verschaltung der traditionellen psychatrischen Behandlung (Diagnosekriterien und persönliche Befragung) durch Menschen mit einer automatisierten und daher fehlerlosen Diagnostik: unbeirrbar, unbestechlich und soziopathisch. Außerdem: Datenspeicherung im Kabel. Aufgrund der Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit (Server-Farmen, Cloud-Infrastruktur) zeichnet sich ab, das die Flüssigkeit der Daten dazu führen wird, dass Protokolle entwickelt werden die eine statische Speicherung obsolet machen und daher der Natur der Daten besser entspricht. Dateneinheiten (Files) werden in ihrem natuerlichen Habitat freigesetzt und bewegen sich nach ihren eigenen Regeln. Wir arbeiten an einem Protokoll welches Dateneinheiten konstant im Fluss belässt und daher die Filefragmente und deren Metainformationen permanent in der Kabelhardware auf Reise belässt. Röhren, Wasser, Verteiler, aber keine Speicher. Das System bestehend aus Kabel und Router ist der Speicher und es gibt weder Farmen noch Clouds, weder Rechner noch RAM, nichts dergleichen, nur pures Rauschen und einige Ventile zur Datenextraktion." – Künstlerduo UBERMORGEN, 2014

25. "Anthropozän" - vorgestellt von Bernd M. Scherer, Indendant Haus der Kulturen der Welt

"Die Idee des Jahres? ANTHROPOZÄN! Ein neues Staunen über das Wunder Erde ist gefragt: Was können wir tun, wie können wir wissen – und inwiefern hängt beides zusammen? Mit welchen Mitteln, Methoden und Sinnen können wir der von uns selbst geschaffenen Welt begegnen? Mit den herkömmlichen Methoden des Erkenntnisgewinns – den Naturwissenschaften einerseits und den Geisteswissenschaften andererseits – ist die Menschheit an eine Grenze gestoßen. Der Klimawandel und seine Auswirkungen, aber auch ein neues gesellschaftliches (Selbst-)Bewusstsein, haben gezeigt: Die rasante Neuformation von Ursache und Wirkung, Mittel und Zweck, Quantität und Qualität erfordert eine neue Erschließung von Welt, die nicht auf postmoderne Diskurse, sondern materielle Prozesse abzielt – von der Monstrosität eines Atompilzes bis zur Partikularität eines Staubkorns auf dem Weg von der Sahara in den brasilianischen Regenwald. Wir sind heute in eine Phase eingetreten, wo es darauf ankommt, was wir mit unserem Wissen anfangen können – und müssen. Diese Erkenntnis kulminiert im Begriff des Anthropozäns, der Verantwortung wie Chance ist. Der Mensch hat eine, wenn nicht die entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Welt. Doch er kann dies nur tun, wenn Wissen und Handeln aufeinander bezogen bleiben." – Bernd M. Scherer, Intendant Haus der Kulturen der Welt

26. "Street Art aus Moskau" - vorgestellt von Igor Ponosov, Künstler

"Ich hab gerade gar keine Zeit und ich weiß auch nicht, was die Idee des Jahres sein könnte, aber für mich ist die wichtigste Idee überhaupt: Street-Art! Und ich kenne ein paar tolle Künstler aus Russland und der Ex-UdSSR, die auch tolle Videos machen. Deshalb schicke ich Euch ein paar Videos meiner Freunde aus Russland und der Ukraine und hoffe, dass es gut genug für die Idee des Jahres ist: PromoactionFigure #1: StabilityNever inspect the teeth of a given horse,  Composition with the flag." – Igor Ponosov, Künstler

27. "Ausstellung von Aram Bartholl" - vorgestellt von Remco Schuurbiers, Leiter CTM Berlin

"Meine Wahl für die Idee des Jahres fällt auf die Ausstellung Offline Art: new2 von Aram Bartholl, einem Künstler, der sich in vielen Formen äußert. Die Ausstellung war 2013 in Paris zu sehen. Die Gruppenausstellung, basierend auf Bartholls Konzept, befindet sich in einem fast leeren Raum, ausgestattet mit an der Wand befestigten WLAN-Routern, die nicht mit dem Internet verbunden sind, sondern die Arbeiten an mitgebrachte Smartphones, Tablets oder Notebooks senden. Die künstlerischen Beiträge der Ausstellung stammen von Cory Arcangel, Kim Asendorf, Claude Closky, Constant Dullaart, Dragan Espenschied, Faith Holland, JODI, Olia Lialina, Jonas Lund, Evan Roth, Phil Thompson, Emilie Gervais & Sarah Weis.“ – Remco Schuurbiers, Programmkurator und Festivalleitung CTM Berlin

28. "Device 6" - vorgestellt von Florian Veltman, Illustrator

"Device 6 ist ein Textspiel, dass die Möglichkeiten der Tablet-PCs ganz neu auslotet. E-Books erscheinen einem ja meist wie normale Bücher in einer etwas unbeholfenen Form. Textspiele machen ihre spielerische Eigenschaft offensichtlich, denn man muss bestimmte Aktionen ausführen, um in der Handlung voranzukommen. Bei Device 6 fragt man sich manchmal, ob man nun ein Videospiel spielt oder ein Buch liest. Das Layout setzt die Geschichte ganz besonders in Szene. Der Leser kann Entscheidungen treffen, sich zum Beispiel die Leserichtung aussuchen. Während die Handlung weitergeht und die Figuren sich bewegen, hört man bisweilen die Geräusche seiner eigenen Schritte als Beweis für das eigene Fortschreiten im Text. Das alles definiert die Genres von Videospiel und E-Book ganz neu. Das Spiel ermöglicht uns, E-Books aus einer neuen Perspektive heraus zu betrachten und zu begreifen, dass dieses Medium mit neuen, interaktiven Rezeptionsarten einhergehen muss. Vielleicht hilft dieses „Spiel“ dabei, dass wir E-Books in Zukunft anders nutzen als nur zum Umblättern virtueller Seiten auf einem Bildschirm.“ – Florian Veltman, Illustrator

29. "Inflammables" - vorgestellt von Jörg Reckhenrich, Trendforscher

"Die Idee des Jahres ist mein Inflammables-Projekt! Dafür werden populäre, philosophische und literarische Zitate als Installation aus Streichhölzern an der Wand angebracht. Die Installation wird in Brand gesetzt, die Zitate leuchten im Feuer auf und die Relikte (verbrannte Streichhölzer, Schmauchspuren) verwandeln das Zitat in ein Bild. Aus Text entsteht so Atmosphäre."  Jörg Reckhenrich, Künstler, Trendforscher

30. "BodyNet" - vorgestellt von Thomas Dumke, Leiter Cyneart Festival

"BodyNet wird der Prototyp des ersten sozialen Netzwerkes, welches lediglich auf non-verbaler Kommunikation und "verkörpertem" Ausdruck basieren wird. BodyNet ist die Antwort auf die gegenwärtige Reduzierung von "verkörpertem" Ausdruck und non-verbaler Kommunikation, wie sie uns tagtäglich in unserer informationsbasierten Gesellschaft begegnet. Beispiellos werden kulturelle Errungenschaften des körperlichen Ausdruckverhaltens auf technologisch bedingte Formen vereinfacht und auf einzelne Parameter reduziert. BodyNet ist ein Langzeitprojekt und wird in der ersten Stufe ein Netzwerk in ganz Europa bilden, deren Knots / Partner mit verschiedensten Installationen, Interfaces, Architekturen und Wearables telematisch vermittelter non-verbaler Kommunikation, Gesten und Verhalten, interpersonale Beziehungen herstellen können, die die bisherigen Paradigmen der emotionalen Kontrolle überwinden wird. Indem wir versuchen, das größtmögliche Spektrum an möglichen Übertragungen von Körperinformationen zu ermöglichen, tragen wir eventuell dazu bei, den Variantenreichtum humanen Ausdrucksverhaltens zu erhalten und sich dessen wieder bewusst zu werden. Und meine zweite Idee des Jahres ist: Holostage. Die prototypische Entwicklung von Holostage dient der Untersuchung von Kommunikationsformen in einer Performance, die sich mit der interaktiven Echtzeit-konfrontation eines Life-Performers mit einem oder mehreren dreidimensionalen Avataren mit räumlicher Präsenz auseinander setzt. Ziel ist die kreative Entwicklung einer Interaktive Performance mit dreidimensionaler – holographischer Echtzeitkommunikation, als eine Versuchsanordnung für das unmittelbare Erlebbarmachen von holographischer Projektion und der Interaktion mit dieser vor Ort als auch vernetzt mit anderen als ein Baustein / Modul im BodyNet." – Thomas Dumke, Leiter des Medienkunstfestivals Cynetart

Weitere Ideen: 
Die Ideen des Jahres 1-10: Kaffee-Kraftstoff, Edward Snowden und ein twitternder Dachs...
Die Idee des Jahres 11-20: Solarleuchten, Mini-Drohnen und Entscheidungsfindung per Crowdsourcing

Credits:
Video-Produktion: Martin Dunkelmann, Musik: https://soundcloud.com/akia. In Kooperation mit: ZEIT Online.

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