tourbueno-nl_020_metrico_screenshot.png

Die Indie-Game-Entwicklung in den Niederlanden

Bild des Benutzers st-creative@arte.tv
ARTE Creative

Die Niederlande sind weltweit für ihr minimalistisches, experimentelles, und originelles Industriedesign bekannt, das zuweilen einfach als "Dutch Design" bezeichnet wird. Dieser Stil bildete sich in den 1990er Jahren heraus, nicht zuletzt dank guter Ausbildungseinrichtungen, die für alle zugänglich sind, und dank staatlicher Subventionen. Natürlich gab es auch wegbereitende, talentierte Designer-Gruppen, unter ihnen Hella Jongerius und Marcel Wanders. 20 Jahre danach macht sich nun "Tour Bueno" auf den Weg durch die Niederlande und es stellt sich die Frage, ob es ähnliche Tendenzen auch beim Design von Videospielen gibt.

Die Frage kann relativ leicht und ein bisschen voreingenommen mit "ja" beantwortet werden. Es gibt in der Tat ein eigenständiges holländisches Design in der Welt der Videospiele. Genauso wie das holländische Industriedesign seinerzeit, ist auch das Spieledesign  teilweise der Unterstützung des Staates geschuldet (in der Form von kunstfördernden "Game-Fonds" und Fördereinrichtungen wie dem "Dutch Game Garden"), vor allem ist es aber einem fortschrittlichen Bildungssystem geschuldet. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, war die erste (und sehr einflussreiche) Schule für Videospiel-Design der Niederlande nicht im Bereich der Informatik oder im Film verankert; die "Utrecht School of the Arts" ist – was  im Grunde selbstverständlich sein sollte – eine reine Kunsthochschule.

Vor diesem Hintergrund eines guten Bildungssystems sehen – im Allgemeinen – viele holländische Spieledesigner Videospiele als Kunstform an, auch wenn sie keinen künstlerischen Anspruch haben. Sie verstehen ein Spiel als ein Gesamtkonzept, in dem alle Bestandteile aufeinander abgestimmt sind. Dies führt dann häufig zu eben dieser Klarheit und Funktionalität, die auch das holländische Industriedesign auszeichnet. Außerdem liefert es zudem den typischen trockenen Humor.

Holländische Spieledesigner betrachten daher Spiele als künstlerische Ausdrucksform und erst danach als ein Produkt, das auch vermarktet wird. Oft konzentrieren sie sich darauf, einzigartige Spiele zu entwerfen und nicht darauf, Geld zu verdienen. Es liegt auf der Hand, dass dieser Schwerpunkt im Bereich der Indie-Spiele im Vergleich zu großen Studios sogar noch ausgeprägter ist.

Außerdem kann man bei "Dutch Design" oft einen minimalistischen, experimentellen und unkonventionellen Arbeitsprozess erkennen, der auch bei einem der mutigsten holländischen Spieledesigner und "Tour-Bueno"-Teilnehmer Adriaan de Jongh ganz klar zu sehen ist. Seit seinem Spiel "Fingle"  fasziniert ihn die Gemeinschaftsdynamik, die dabei entsteht, wenn mehrere Leute zusammen – im Gegensatz zu herkömmlichen Spieltraditionen – abseits des Bildschirms ein Spiel spielen. Diese Herangehensweise erreichte kürzlich mit dem Ballett-trifft-auf-Twister-Spiel "Bounden" seinen Höhepunkt.

Die Spiele-Macher
Vlambeer ist, bei genauerem Hinblick, das wahrscheinlich bekannteste Studio der Indie-Szene in den Niederlanden (wenn nicht sogar das bekannteste Indie-Studio der Welt). Ihre Spielkreationen "Super Crate Box", "Ridiculous Fishing" und "LUFTRAUSERS" gehörten für viele Spieler zu den zehn besten Spielen des jeweiligen Jahres, in dem sie veröffentlicht wurden. Viele Spieler dürfen sich bereits über Vlambeers aktuelle Produktion "Nuclear Throne" freuen und sind wahrscheinlich bereits darin vertieft.

tour_bueno-n_press3.png

  Ridiculous Fishing

Die Gründer von Vlambeer machen nicht nur großartige Spiele: Rami Ismail reist durch die ganze Welt, um mit Kollegen der Indie-Szene zu sprechen und um Vorträge zu halten. Er entwickelt sogar Tools wie "presskit()" und "distribute()", um das Leben der Indies ein bisschen einfacher zu gestalten. Aber was kaum einer weiß, ist, dass Jan Willem Nijman, der andere Gründer der Firma, ebenfalls sehr aktiv in der Indie-Szene mitwirkt und zum Beispiel Events wie das "Local Multiplayer Picnic" in Utrecht organisiert.

Abgesehen von Vlambeer, zählen zu den größten Indie-Herstellern Hollands außerdem das Studio Abbey Games, das sich vor allem mit dem Götter-Spiel "Reus" einen Namen gemacht hat und dessen Spiel "Renowned Explorers" in den Startlöchern steht, sowie das Studio Ronimo, das "Swords & Soldiers" und "Awesomenauts" rausbrachte. Durch den großen Erflog dieser Spiele, konnten es sich die Studios erlauben, vollständig unabhängig zu bleiben und ihre Geschäftstätigkeiten auszuweiten, um weiterhin die Spiele produzieren zu können, die sie möchten.

tour_bueno-nl_screen9.png

  Reus

Natürlich gibt es noch viele andere Studios, die hier nicht alle aufgelistet werden können. Trotzdem muss man noch einige der älteren Studios erwähnen, die gegründet wurden, lange bevor es den Begriff "Indie" gab. Korrekterweise müssten auch sie heute als "Indies" bezeichnet werden. Zu dieser Kategorie zählt das Studio Two Tribes, das bekannt ist für das Küken-Puzzle-Spiel "Toki Tori" und das gerade an dem Shooter "Rive" arbeitet.

Es sollte auch erwähnt werden, dass die Game-Szene kontinuierlich durch neuen Nachwuchs von den verschiedenen holländischen Spiel-Schulen erweitert wird. Es sind so viele, dass holländische Spiele bisher fast jährlich für die "IGF Awards" nominiert wurden. Dieses Jahr sind "Bounden" (für den Nuovo Award) und Monogons "Interloper" (für den Student Showcase Award) im Rennen.

tour_bueno-nl_interloper_6.jpg

  Interloper

Der "Inkubator"
Die Indie-Szene in den Niederlanden würde ohne den "Dutch Game Garden" heute wahrscheinlich ganz anders aussehen. Diese Organisation war unerlässlich für die Gründung und den Wachstum vieler kleiner Studios; Vlambeer, Ronimo und Abbey Games sind alle dort entstanden.

Diese vom Staat geförderte Einrichtung stellt für unabhängige Spielehersteller Wohnraum, und Unterstützung bei der Entwicklung und beim Start-up zur Verfügung, sowie Kurse zur Beschleunigung des Arbeitsprozesses, Beratung und Hilfe für Rechts- und Wirtschaftsfragen. Sie organisiert auch Events (zur Vernetzung) und bietet Master- und Sommerkurse für Studenten an.

Im Gebäude des "Dutch Game Garden" findet sehr viel Austausch und Zusammenarbeit unter mehreren Studios statt. Man stattet häufig anderen Entwicklern einen Besuch in ihren Büros ab, um Spiele zu erproben, aber auch um nach Rat zu fragen zu praktisch allen Bereichen der Spieleentwicklung: Design, Programmierung, Kunst, Marketing, Business und Strategie.

Die Events
In den Niederlanden gibt es viele Veranstaltungen, bei denen es um Videospiele geht. Einer der ersten Indie-Game-Showcases war "INDIGO", das nun jährlich von "Dutch Game Garden" organisiert wird und das holländische Indie-Spiele präsentiert. "Indievelopment" ist eine Indie-Game-Konferenz mit internationalen Rednern. Jonathan Blow und Chris Avellone waren bereits Gastredner auf früheren Ausgaben der Konferenz. "Control Conference" ist eine weitere große Game-Konferenz, die von der Videospiel-Zeitschrift "Control" organisiert wird. Die Konferenz steht auch in Verbindung mit der jährlich stattfindenden Verleihung der "Dutch Game Awards".

Das größte Game-Event, das auf ein breites Publikum von Spielefans abzielt, ist "Firstlook", das von der holländischen Fernsehsendung "Gamekings" organisiert wird. Auf der Veranstaltung werden zahlreiche AAA-Spiele vorgestellt, aber es bietet Indie-Entwicklern auch die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu präsentieren.

Während der "Global Game Jam" bieten die Niederlande gleich fünf Locations an und stellen somit Platz für bis zu 750 Jammer zur Verfügung. In kleinerem Umfang organisiert die Indie-Community Zusammenkünfte von Spieleentwicklern in Bars, darunter auch das "Local Multiplayer Picnic", das dazu dient Multiplayer-Games, die vor Ort entstanden sind, zusammen zu spielen. "IndiePendant" ist ein weiteres kleines Treffen der Breda-Community, das auch zu Gesprächen anregt.

Die Herausforderungen
Natürlich unterscheiden sich die Herausforderungen, denen sich unabhängige Spieleentwickler in den Niederlanden stellen müssen, nicht so sehr von den Herausforderungen, mit denen sie in anderen Ländern zu kämpfen haben. Eines der Hauptprobleme ist immer noch die Finanzierung der Entwicklung von Spielen. Wie bereits erwähnt, setzen "Game-Fonds" hier an und subventionieren künstlerische Spiele; die Fonds stellen außerdem Förderungen zur Verfügung, die mit Reisen verbunden sind, z.B. zu Events wie der "Gamescom" in Köln oder der "SXSW" in Austin. Leider gibt es keine Förderung für "normale" Spiele oder für das Marketing von Spielen; und private Förderung (von wohlhabenden Privatpersonen) ist immer noch eine Seltenheit.

Während die Game-Szene voller Talent steckt, was die Bereiche Design, Programmierung und Kunst angeht – hier kommt wieder die hohe Sensibilität für Game-Design zum Tragen, die für Holland so typisch ist – fehlt es im Allgemeinen am nötigen Business- und Marketing-Knowhow. Die Ausbildungseinrichtungen für Videospiele sind hauptsächlich auf kreative und technische Aspekte ausgerichtet, aber sie vermitteln den Studenten nicht ausführlich genug, wie sie ein Unternehmen führen können und auf ein Spiel aufmerksam machen können. Der Kontakt zu Spieleplattformen sowie der Umgang mit Distributoren sind für unabhängige Studios große Herausforderungen. Im Normalfall verfügt ein solches Studio nicht über einen Marketingspezialisten und es fällt ihnen somit schwer, die Presse und YouTubers zu erreichen. Doch immer mehr Entwickler werden sich bewusst, woran es mangelt und es werden Maßnahmen getroffen, um die Lage zu verbessern: es kann also nur bergauf gehen…

Kommentare (0)

Meistgesehene Videos der Woche