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Indie-Szene Berlin: Wo ist der Hit?

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ARTE Creative

Unsere zwei Game-Designer Marius Winter und Benedikt Hummel, alias Major Bueno, ziehen mit dem Bus quer durch Europa - auf der Suche nach Inspiration und dem neuen Superspiel. Während dem sie bereits weiter nach Kopenhagen gezogen sind, hat sich der Games- und Netzreporter Dennis Kogel für uns in Berlin umgeschaut, um herauszufinden wie es um die lokale Indie-Szene steht.

Berlin fehlt der Hit. Diese Stadt hat die besten Clubs der Welt, die druffigsten Partygänger, die schnöseligsten Start-Ups und die niedrigsten Mieten. Das stimmt natürlich nicht. Aber es ist der Eindruck, der zählt, der Mythos. Was den Mythos Videospiele angeht, ist Berlin ein weißer Fleck.
„Wenn du mit Leuten über Berlin sprichst, dann hört man: Oh, es ist so viel los, es gibt so viel Musik, so viel Kunst, aber dann kommt die Frage: Kannst du mir auch nur eine bekannte Indie-Band aus Berlin nennen? Es gibt keine. Es ist so viel los, aber niemand wird bekannt“, Lorenzo Pilia kennt Berlins Entwickler-Szene so gut wie kaum ein anderer. Er ist Produktmanager und organisiert das Talk & Play, regelmäßige Mini-Konferenzen für Berlins Spieleentwickler. Mit seiner Einschätzung der Musikszene übertreibt er etwas, wenn es um Entwickler geht, hat Pilia aber nicht ganz unrecht.

Spec Ops:The Line ist Yagers Meisterstück: Ein verstörendes Videospiel über Wahnsinn, Krieg und Videospiele

Montreal, Toronto, London, Helsinki, San Francisco, Stockholm, Paris, New York: Neben großen Studios, die jährlich Blockbuster veröffentlichen, beherbergen diese Entwicklermetropolen lebendige Indie-Szenen, Künstlerkollektive, vielversprechende Projekte, die international viel Aufmerksamkeit bekommen. Berlin gehört nicht dazu. Außer dem Studio Yager (Spec Ops: The Line, Dead Island 2) gibt es keine echten Mainstream-Entwickler, die größten Studios der Stadt wie Wooga (Pearl's Peril, Monster World) und King (Candy Crush) entwickeln profitable, aber wenig renommierte Spiele für Facebook und Smartphones, international wirklich bekannte Indie-Studios gibt es nicht. „Es ist einfach in der Stadt zu leben, es gibt keinen wirklichen Zwang, groß und bekannt zu werden“, sagt Pilia, „aber Berlin ist einzigartig, hier passieren Dinge, die keine andere Stadt hat.“ Man muss nur ein bisschen danach suchen.

Etwa in der Hacker-, Hobbyisten und DIY-Szene. Seit über drei Jahren findet der Berlin Mini Game Jam statt. Jeden Monat treffen sich Entwickler und arbeiten einen ganzen Tag an Spielen zu Themen wie „No time to explain; grab a cactus“. Heraus kommen kleine Perlen, die – wie das eben oft ist bei Game-Jam-Beiträgen – selten viele Menschen erreichen, aber sehr oft wirklich spannende Ideen zeigen. Einen so lange laufenden, lokalen Game Jam gibt es in keiner anderen Stadt. „Und ich sehe mehr und mehr Teilnehmer“, sagt Pilia.

Ein Fixpunkt der lokalen Szene ist das Festival A MAZE, das sich jedes Jahr ein bisschen wie ein kleines Familientreffen für Indie-Entwickler anfühlt: Klein, verspielt, angenehm kommerzfrei und voller Liebe für seltsame Spiele. Ausgestellt und prämiert werden Titel wie Proteus , eine Art abstrakter Spaziergang über eine Insel im Wandel der Jahreszeiten mit singenden Pixeleichhörnchen, Perfect Woman, ein Spiel mit Kinect-Bewegungssteuerung über die unmöglichen gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen, oder der Choosatron, ein Mini-Drucker für Choose-Your-Own-Adventure-Rollenspiele. Mittlerweile bekommen solche Titel auch einen Platz im Game Science Center, einem neu eröffneten Museum für experimentelle Spiele.

Diese Offenheit für das Seltsame, das Unübliche und Unkonventionelle ist sicherlich auch ein Grund, warum auch einige namhafte Indie-Entwickler in die Stadt gefunden haben: Minecraft-Komponist Daniel Rosenfeld (C418)  arbeitet in Berlin an neuer Musik, Stephen Lavelle, ein genialer Puzzle-Entwickler aus England, veröffentlichte vor kurzem „Moving Stories“, ein Spiel darüber, Koffer zu packen. Und Fernando Ramallo arbeitet an Panoramical, halb Videospiel, halb DJ-Interface: Mit Reglern erzeugen Spieler hypnotische Landschaften aus Sound und 3D-Grafik.

Nur der Berliner Indie-Game-Hit, der fehlt. Und das könnte sich bald ändern. „Neulich hab ich jemanden was sagen hören, das hat mir richtig Angst gemacht: Also wenn's bei Euch nicht klappt, dann kann es überhaupt nicht klappen“, sagt Johannes Kristmann und grinst, „Ich fühl mich nicht unbedingt unter Druck gesetzt von solchen Aussagen...aber irgendwie schon!“ Der Grund für den Erfolgsdruck ist Curious Expedition. Vor einem Jahr haben sich Johannes Kristmann und Riad Djemili unabhängig gemacht vom großen Studio Yager und Maschinen-Mensch gegründet, ein Indie-Studio. In ihrem Spiel, Curious Expedition geht es um Entdecker und Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts (Harriet Tubman, Charles Darwin, Marie Curie, Nikola Tesla etc.), die in einem markanten Pixelstil durch ein vergessenes Reich ziehen, mit Ureinwohnern interagieren, und von Dinosauriern gefressen werden. Es geht um Expeditionen, ums Entdecken und Scheitern. Weil die Spielwelt bei jedem Start neu ausgewürfelt wird und die Geschichten, die die Helden erleben, oft so absurd und überraschend sind, gilt Curious Expedition schon jetzt für viele Kritiker als eines der vielversprechendsten Spiele 2015, es bekommt internationale Presse und tauglich für Let's-Play-Videos auf YouTube ist es auch.

„Wir sind immer noch so ängstlich und zaghaft wie am ersten Tag. Schlussendlich machen wir einfach weiter und versuchen durchzukommen“, sagt Riad Djemili. Der Erfolgsdruck, so die beiden, hat auch Nachteile. Viele Beobachter hätten den Eindruck, Curious Expedition wäre eine feste Größe, jetzt schon eine Geldmaschine und ein Garant für großen Ruhm. Dabei ist es noch meilenweit davon entfernt. Die Spielerbasis ist noch klein, Curious Expedition steckt noch in einer unfertigen (aber sehr spielbaren) Alpha-Version. Erst vor kurzem bekamen Djemili und Kristmann die Zusicherung, dass ihr Spiel auch auf der Download-Plattform Steam verkauft werden könnte – und noch immer sitzen sie nicht in einem Büro, nicht einmal in einem Co-Working-Space, sondern in Djemili Wohnzimmer und arbeiten an neuen Features fürs Spiel: Heimkehren nach der Expedition, Riesenschildkröten, neue Dörfer, neue Gegner. Curious Expedition gilt als große Hoffnung, dabei würde Djemili und Kristmann eine andere große Hoffnung als sie selbst ganz gut tun.

„Uns fehlt eine Speerspitze, ein Superprojekt, das erfolgreich ist,“ sagt Djemili. „Wenn es ein solches Spiel hier in Berlin gibt, dann wird sich der Eindruck schlagartig ändern und das wird auch andere Leute nach sich ziehen.“ Andere Leute und Presse, Preise, Hype, Aufmerksamkeit ohne die Indie-Projekte nicht überleben können. Falls das passiert, dann kann Berlin bekannt werden für eine Indie-Szene, die so lebendig, spannend, überraschend ist wie die Indie-Entwickler dieser Stadt: Tinytouchtales machen liebenswerte Puzzle-Spiele (Card Crawl, Zuki's Quest); Spaces of Play (Spirits, Future Unfolding) sind bekannt für ihr Auge für ansprechendes Design. Blackpants haben mit Tiny & Big eines der witzigen Abenteuer über Unterhosenklau geschaffen; Brightside Games feiern mit Team Indie bekannten Indie-Helden in einem eigenen Spiel und Simon Cubash und sein Multiplayer-Pacman-Flappy-Bird-Remix Ridiculous Glitching zeigen viel Potential für weiteren Irrsinn. „Man kann jetzt natürlich auf den Supererfolg warten“, sagt Djemili, „man kann aber auch von der anderen Seite rangehen und sagen: Wir haben nicht den einen Mega-Erfolg, aber viele kleine Erfolge. Ganz viele kleine Spiele und wenn wir uns zusammentun würden, nicht nur lose innerhalb von Treffen, sondern wirklich als eine Art Verein, als Kollektiv, dann könnten wir zusammen den nächsten Schritt schaffen.“ Es gibt zwei eSports-Bars, Gamedesign-Studenten mit viel zu vielen Ideen, und Leute, die all das begeistert feiern. Ob jetzt Curious Expedition oder ein anderes erfolgreiches Spiel Berlin zu einer Indie-Game-Metropole macht oder ein Indie-Kollektiv, spannend wird es auf jeden Fall. „Uns fehlt eigentlich nur eine Arcade-Bar“, resümiert Lorenzo Pilia dann doch recht zufrieden über seine Stadt. Alles andere ist schon hier. Es muss nur entdeckt werden.

Auf ARTE Creative:

• Tour Bueno in Berlin

Links:

• Dennis Kogel

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