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Indie-Szene Italien: Auswandern oder bleiben?

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ARTE Creative

Die zweite Station der Tour Bueno führen Benedikt Hummel und Marius Winter in die Modestadt Mailand. Der italienische Spielekolumnist Federico Ercole gib Euch einen Einblick in die jüngsten Entwicklungen der Italienischen Indie Game Szene.

Die derzeitige Situation bei der weltweiten Produktion von Videospielen erinnert mich an die der Musik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wenn ich mich an die Geschichtsschreibung halte. Die Musiker wurden allmählich unabhängiger von Auftraggebern und von ihrer Rolle an den Fürstenhöfen. Ihre Partituren gingen in Druck, und Kompositionen für ein Soloinstrument oder kleine Ensembles wie Trios oder Quartette erreichten ein Publikum von mehr oder minder begabten Laien und Liebhabern. Gleichwohl wurden weiterhin Sinfonien und Opern für die großen Theater bestellt. In diesem Szenario entstanden die Lieder von Franz Schubert, klitzekleine, feinsinnige Erfindungen für Singstimme und Klavier, und die großen Opern von Carl Maria von Weber oder Gioacchino Rossini. Bis zu so einem Paradox wie Richard Wagner, Pionier der Indie-Szene. Er schuf gewaltige Opern für riesige Orchester und konnte sie jahrelang nicht auf die Bühne bringen, bis Ludwig II. von Bayern sich dafür interessierte und ihm finanziell ermöglichte, ein Theater ausschließlich für Aufführungen seiner eigenen Musik zu bauen.

In den letzten Jahren hat sich in der Videospiellandschaft etwas Ähnliches ereignet. Erstaunlich ist für mich auch die Analogie, die im englischen Verb "to play" deutlich wird: Man "spielt" ein Instrument, ebenso wie man ein Game "spielt". Darüber hinaus entstand in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts die Musikgeschichte mit der Absicht, den Wandel der Musik im Laufe der Jahrhunderte aufzuzeichnen und der Nachwelt zu erhalten. Etwas Ähnliches ereignete sich bei den Videospielen Ende des 20. Jahrhunderts. Die eigene Geschichte wurde dokumentiert. Man kramte, auch in Museen, die Spiele der Vergangenheit hervor.

Es gibt also einerseits eine Industrie, die wahnsinnig teure, kolossale elektronische Spiele von schwankender Qualität für weit verbreitete Plattformen in Millionenauflage produziert. Und andererseits gibt es die Möglichkeit, mit geringen Kosten für PC oder Smartphone zu programmieren. Hunderte von unabhängigen Programmierern erfinden Titel, die manchmal auf ein größeres Publikum von Spielern und Fans treffen als so manche gigantische Produktion, die sich im Nachhinein als Misserfolg erweist. Daher kommt es vor, dass sich die Industrie sich für unabhängig entwickelte Spiele interessiert und sie herstellt und vertreibt. Ebenso konnte es passieren, dass im 19. Jahrhundert ein Mäzen oder Theaterdirektor eine Oper bei einem Komponisten bestellte, der bekannt war für seine "kleinen" Kammermusikwerke. Dass Microsoft dem Programmierer Markus "Notch" Persson das Spiel Minecraft abkaufte, bestätigt den Eindruck dieser Parallele zwischen verschiedenen Jahrhunderten und verschiedenen Gebieten.

Und in Italien?

Wenn es um italienische Videospiele bis vor ein paar Jahren geht, wäre es angebrachter, eine Parallele zum 18. Jahrhundert zu ziehen. Damals verließen viele talentierte Musiker ihr Heimatland, weil sie an verschiedenen Fürstenhöfen in Europa befriedigendere und einträglichere Beschäftigungen fanden. Dies war der Fall bei Salieri und etlichen anderen.

Viele junge Italiener mit dem Wunsch, Videogames zu entwickeln, haben ihr Land verlassen, um sich Arbeit zu suchen in großen Unternehmen oder selbst eins zu gründen. Andrea Pessino etwa ging in die Vereinigten Staaten, nahm eine Stelle bei "Blizzard" an und war anschließend Mitbegründer von "Ready bei Dawn Studios". Oder Massimo Guarini. Er wanderte nach Japan aus, um als "Director" bei "Shadow of the Damned"  zu arbeiten. An diesem Videogame wirkten Stars vom Kaliber eines Shinji Mikami, Suda 51 und Akira Yamaoka mit.
Aber die Dinge ändern sich. Guarini zum Beispiel ist nach Italien zurückgekehrt und hat in der Gegend um den Lago di Varese eine kleine Produktionsfirma namens "Ovosonico" gegründet. Sony hat sich an der Produktion des makabren, fulminanten und poetischen "Murasaki Baby" beteiligt, das für die PS Vita herauskam. Da es heute keine wirkliche eigene Videospielindustrie in Italien gibt, abgesehen vom Einzelfall "Milestone" wo bemerkenswerte Racing Games in hohen Stückzahlen hergestellt werden, kann eigentlich jeder, der Videogames entwickelt, als "Indie" gelten. Unser Land interessiert es nicht, eine Videospielindustrie zu etablieren oder zu fördern, wenn man einmal absieht vom blutsauerischen, profitablen, videospielfremden "Video-Poker", diese Spielautomaten, die sich bei uns überall finden.
Nur ein einziges Mal hat der Staat sich dazu durchgerungen, ein Videospiel zu fördern. Das war zum 150. Jahrestag der Einheit Italiens. Herauskam die "grässliche Bescherung", in Anlehnung an den Titel eines Romans von Carlo Emilio Gadda, namens "Gioventù Ribelle".
In Italien haben wir also Indie-Entwickler und überdies, eher in der Dimension der Subkultur, Underground-Entwickler.

Das Morgenland der Italienischen elektronischen Unabhängigkeit

Ein ganzes Buch würde es füllen, wollte man die elektronischen Landschaften "Indie"-Italiens bewundern. Die Talente sind zahlreich und vom Wunsch nach Innovation und Kreativität angetrieben, genau wie man es beim experimentellen Film in unserem Land beobachten kann. Sprechen wir an dieser Stelle von denen, die mit Leidenschaft, Unabhängigkeit und Einfallsreichtum dazu beitragen, die italienische Videogame-Welt aus diesem Sumpf herauszuholen, in dem das Desinteresse, wenn nicht gar die Verachtung, seitens unseres Systems sie immer haben wollte.
In Turin haben Mauro Fanelli und Adrea Gellato das Team "Mixed Bag" gegründet. Sie entwickelten das hyperkinetische Science-Fiction-Weltraum-Ego-Shooter-Spiel Futuridium, das als Download für Playstation 4 herauskam. Derzeit arbeitet Mixed Bag an Forma.8, einem Action-Adventure, nicht nur für PC und Mac, sondern auch für Sony- und Nintendo-Konsolen.

Die "Dreampainters" haben "Anna" für PC und Xbox 360 entwickelt, ein Horror-Adventure, angesiedelt in einem Bauernhof im Aostatal. Das Spiel erzählt eine fesselnde Geschichte. Sein Fantasie-Universum ist von einer derartigen Tiefgründigkeit und Differenziertheit, dass es auch in dem neuen Werk mit dem Titel "White Heaven" wieder auftaucht. Zwar ist das Team italienisch, doch sein aktueller Sitz ist London.

In Mailand dagegen ist "Forge Reply" angesiedelt. Den Entwicklern verdanken wir das nostalgische, außergewöhnliche Game "Einsamer Wolf". Nach und nach kam es für Smartphone, PC und Tablet heraus. Das Spiel bereitet digital die sagenhaften Abenteuer auf, die Joe Dever in Papierform als Spielbücher herausbrachte. Von Forge Reply stammt auch das farbenfrohe Shooter-Science-Fiction-Multiplayer-Spiel "In Space We Brawl", das für Konsolen-Plattformen von Sony herauskam.

In Mantua entwickeln "Indomitus Games" das Spiel "In Verbis Virtus". In dem First-Person-Action-Adventure schlüpfen wir in die Rolle eines Zauberers. Die Besonderheit ist, dass wir den Zauber mit unserer Stimme auslösen, was zu einer maßlosen Identifikation mit dem Protagonisten führt. "In Verbis Virtus" gibt es im Mai bei Steam.

Die römischen Entwickler von "Storm in a Teacup" arbeiten an "Nero". Die ersten Bilder sind von einer visionären Schönheit, die keinen kalt lässt. "Nero" ist ein Adventure mit einer tiefgründigen Geschichte, es erscheint für Xbox One.

Wahrhaft suggestiv, aufwendig und bedeutsam erscheint die Arbeit mit dem Titel "The Town of Light". Das Spiel aus der Florentiner Schmiede "Lka.it"geht in die Zielgerade, ist bei Steam zu haben. Es unterstützt die Benutzung des Oculus Rifts. Das Videogame spielt in der historischen Irrenanstalt von Volterra, der größten Einrichtung dieser Art, die es in Italien je gab. Die Institution wird mit wissenschaftlicher Genauigkeit rekonstruiert, mit Hilfe von Befragungen und Ortsbegehungen.

Nur für die virtuelle Realität war das ebenso ehrgeizige wie faszinierende Projekt "Loading Human" von "Untold Games" gedacht. Es könnte nicht nur eines der revolutionärsten Videogames der unmittelbaren Zukunft werden, sondern eine neue Art, Science Fiction "von innen" zu verstehen und zu erleben.

Und schließlich gibt es noch "Kunos Simulazioni" mit Sitz in Campagnano di Roma. Die 2005 entstandene Software-Firma brachte "Assetto Corsa" für PC heraus, ein selten realistisches Racing Game mit großem spielerischem Potenzial. Ein Genuss für Augen und Finger. Es zeugt von der Klasse, der Kunst und dem Können seiner Urheber. Entsprechend wurde ihr Werk auch auf der ganzen Welt bejubelt.

Auf ARTE Creative:

Tour Bueno in Mailand

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