Neue Natur - Art Girls intern

Kunst, die wirkt: Das Transmedia-Projekt "Art Girls" sprengt die Fesseln von Genre und Medium

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ARTE Creative

„Art Girls“: Der ultimative Katastrophenfilm? Art Girls ist mehr! Nämlich zugleich der erste crossmediale Kunstfilm und ein unbändiges Vergnügen im Kino, im Netz und im realen Leben. Ein Artikel von Filmkritiker Georg Seeßlen.

Ein Experiment ist zu bestaunen: Die Film-Arbeit – "Art Girls" von Robert Bramkamp und Susanne Weirich – sprengt die Fesseln von Genre und Medium und bewegt sich durch die Bilderkultur. Der Spielfilm Art Girls, der am 9.4.2015 in die Kinos kommt, hat einen Partner, ein Mockumentary“ in Form eines "making of" zu seiner Entstehung: „Neue Natur – Art Girls intern“ könnt ihr hier auf ARTE Creative bis Anfang Mai anschauen. Darin geht es um die Kraft der Phantasie für eine bessere Welt. Die entscheidende Rolle spielen dabei das Internet, youtube, twitter und die chaotische Lovestory zwischen einem Mad Scientist und einem Art Girl. Der Film ist nach Ausstrahlung noch für weitere 90 Tage in unserer Mediathek verfügbar.

Art Girls

Eine Fortsetzung findet das ganze Unternehmen auch in einem E-Learning-Angebot zum innovativen Filmemachen und zur Fortführung einer Filmerzählung in Social Media. Ab 16.3.2015 geht es los, anmelden kann man sich jetzt schon. Und schließlich sind da noch eine Reihe von Veranstaltungen, Debatten und Performances. So wird die große Trennung zwischen Kunst und Kino mit der Hilfe der Zuschauer überwunden: 

Der Fernseher wird zur Kunst-Akademie, die Kunst-Akademie wird zum Kino, das Kino wird zum Diskurs-Raum, der Diskurs-Raum wird zur Performance, die Performance wird zum Internet-Auftritt, der Internet-Auftritt wird zum Film, der Film wird zur Kunst, die Kunst wird zur sozialen Geste, und die Zuschauer werden zu Mit-Autoren. Das Ganze nicht als akademische Abstraktion, sondern als großes sinnliches und ästhetisches Vergnügen.

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Ein Ausschnitt aus dem Film "Art Girls" von Robert Bramkamp und Susanne Weirich

Hier nimmt Filmkritiker Georg Seeßlen  nicht nur Robert Bramkamps und Susanne Weirichs Filme „Art Girls“ und „Neue Natur – Art Girls Intern“ unter die Lupe, sondern auch allerlei Elektronisches und Lebendiges, was dazwischen und darüber hinaus geschieht:

Die Befreiung der Bilder

Ein Film, sagt man, ist eingefangenes Leben. Wie jedes eingefangene Leben will auch dieses wieder hinaus. Es sei denn, es ist so gezähmt, dass es vergessen hat, wie süß die Freiheit schmeckt. Oder so angstvoll, dass es sich lieber in seinem Gefängnis einrichtet, als sich den Gefährdungen des Ungewissen auszusetzen. So ist das Kino, das wir gewohnt sind. In einem Zoo der Bewegungsbilder.

Robert Bramkamp ist einer der Filmemacher, die an der Befreiung der Bilder arbeiten. Das beginnt damit, dass man ihnen das Bewusstsein der Gefangenschaft gibt. Dass man den Zuschauern die Verabredungen als Gefängnis sichtbar macht.

Wie aber sieht die Freiheit für Bewegungsbilder aus? Ist es schon Befreiung genug, wenn ein Film dem Zuschauer deutlich zu verstehen gibt, dass Teile von ihm nicht auf der Leinwand, sondern ganz woanders, in den Köpfen und in den Kanälen unterwegs sind? Der Film auf der Leinwand ist der Schatten, den die Bild-Ideen bei ihrer Befreiung zurückgelassen haben.

Schöne Schatten natürlich, sonst wären wir nicht so gebannt.

Schon der Bildschirm ist anders, ganz anders. Die Schönheit des Schattens verliert ein wenig von seinem transzendentalen Glanz. Anders als im Kino kann man vor dem Bildschirm nur sehr schwer staunen. Dafür aber tritt das Diskursive in den Vordergrund, das Enträtseln und Debattieren. Demokratisierung hätten wir möglicherweise vor Jahren noch gesagt (als wir an unsere Demokratie noch glaubten), und von Aufklärung geträumt.

Wohin also können die gefangenen Bilder fliehen? In „die Gesellschaft“, in „die sozialen Bewegungen“? Und dann in die Natur, ins Unendliche? Schön wäre es gewesen. Indes sind zuerst die mehr oder weniger angrenzenden Areale zu durchkreuzen. Die Kunst. Und das, was wir „Life Sciences“ nennen. Diese Areale haben sich in den letzten Jahren wahrhaft unheimlich ausgedehnt. Nicht, dass sie schon Befreiung bedeuteten, nur insofern, als man Freiheit ohne sie nicht einmal denken kann.

Der Film muss da durch, und koste es sein Leben.

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Sehen und Fühlen: Zwei Mal Nikita

Art Girls  - der Film: Ein Experiment mit „Kunst, die wirkt“

Auch Ideen-Bild-Geschichten beginnen immer mit Menschen. Mit jemandem wie Nikita Neufeld (Inga Busch), einer Künstlerin, deren Installationen auf dem Markt und im Betrieb der Kunst nicht angenommen werden. Sie ist Protagonistin in "Art Girls", sie ist pleite und ihr Geliebter hat sie verlassen. Artist down. Ihre Freundin Una Queens (Megan Gay) dagegen schlägt sich so durch, mehr oder weniger. Und Fiona da Vinci (Jana Schulz) darf hoffen, zu den Gewinnern im einigermaßen brutalen Kunst-Spiel zu zählen. Auch ist Nikitas Ex-Freund, wie man so sagt, zu ihr übergelaufen. 

Gute Zeiten, Schlechte Zeiten in der Hamburg-Berliner Kunstszene? Es ist zum Lachen. Und natürlich zum Heulen. Denn diese Soap Opera-Travestie übertreibt das prekäre Leben im Kunst-Ghetto nicht einmal. 

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Zwillingsforschung an der Biosynchronisation

Aber nicht nur das Leben und das Geld greifen nach der Kunst, sondern auch die Wissenschaft. In Gestalt der Zwillingsbrüder Peter und Laurens Maturana (Peter Lohmeyer). Sie arbeiten an einem Projekt der „Biosynchronisation“. Und entdecken die drei Künstlerinnen – ideale Besetzung für Ihr Experiment, bei dem bisher unbekanntes menschliches Potential freigesetzt werden soll, in dem es Individuen zu einem leistungsstarken „Über-Wir“ verbindet.  Sie locken die drei Frauen mit einer Ausstellung, denn sie wollen die bei ihnen gemessene  überdurchschnittliche Aktivität in „Kunstwirkung“ umwandeln.  Ein Event und Experiment mit weitreichenden Auswirkungen: die Sonne wird blau, ein elektronischer King-Kong erklimmt den Fernsehturm und Menschen verbinden sich zu übernatürlichen Kollektivwesen. „Kunst, die wirkt“ entsteht tatsächlich, aber all das gibt es nicht ohne Nebenwirkungen, die es in sich haben.

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"Kunstwirkung" oder "Der elektronische King Kong" erklimmt den Fernsehturm

Findet da so etwas wie eine Kernschmelze zwischen Kunst und Life Science statt, mit dem Ziel, ein neues Leben, ja eine neue Wirklichkeit zu erzeugen? So etwas kann nicht gut gehen und spaltet sich dementsprechend in Katastrophen und unglückliche Liebesgeschichten. 

Der durch Wissenschaft und Melodrama induzierten Katastrophe einer Kunst, „die wirkt“, können sich nur die „Kollektiven Erzähler“ entgegenstellen.  Erst als sie die Bühne betreten, entstehen alternative Enden für den Katastrophenfilm. 
Kann die (katastrophal und wunderschön) wirkende Kunst durch eine wirkende Erzählung domestiziert werden? Die kollektiven Erzählungen, der Mythos, die Legende, die historische Narration – nur eine erzählte Welt ist eine wirkliche Welt.

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Eine Erzählgemeinschaft der besonderen Art

Der Ausgang, natürlich, wir sind ja in einem Film von Robert Bramkamp, ist offen. 

Neue Natur – Art Girls Intern: Making Of und Lektüreschlüssel

Man darf einen Film wie „Artgirls“ nicht allein lassen, sonst wird er gefährlich. Also gibt es  auch eine „Mockumentary“ mit dem Titel „Neue Natur –Art Girls intern“, die man verstehen kann als ein „Making Of“, aber auch, dem Titel gemäß, als ein Lektüreschlüssel, der freilich nicht genau für die selben Räume passt, in denen sich die Kunst- und Körpersynchronisationen von „Art Girls“ abspielen. Auch dieser an manchen Stellen lückenhafte, an anderen Stellen abschweifende Lektürevorschlag, der auch wieder zum eigenen Werk wird, verlangt nach – nun eben: nach Befreiung der Bilder, hinaus in die unterschiedlichsten Wälder und Wüsten der öffentlichen Diskurse. 

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Kunst zum Mitmachen: Ein Ausschnitt aus dem Mockumentary "Neue Natur - Art Girls intern"

Wie gesagt: Einen Film wie „Art Girls“ darf man nicht allein lassen, sonst wird er gefährlich. Andererseits infiziert sich natürlich jeder Diskurs an dieser Gefährlichkeit. Genau das aber ist es, was wir zur letzten Rettung von einer Film/Kunst-Begegnung erwarten müssen. Gefährlichkeit.

Was macht einen Film „gefährlich“? 

Was immer es ist: es hat vermutlich mit einem Zusammenprall von Codes zu tun, die man sich gerade noch als ordentlich getrennt vorgestellt hat. Das Transportmittel dafür ist eine besondere Form von Energie. 

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Kunst als Katastrophe als Kunst

Sie entsteht unter anderem durch die Verschmelzung von Empfindungen wie „Genau so ist es“ mit Empfindungen wie „Das ist vollkommen verrückt“.  Wie immer in den Filmen von Robert Bramkamp geht es um Dinge, die zugleich diskursiv unlösbar sind und gesellschaftliche Praxis. Ein Spiel mit (im Mainstream verschwiegenen) Unbekannten. 

Einer der Clashes in diesem Film ist der von „Weiblichkeit“ und Technologie. Nur der Ausgangspunkt (der Popstory- oder Science Fiction-Aspekt) ist das gewohnte Konstrukt von der männlichen Technologie, die sich den weiblichen (Kunst-) Körper zum Objekt macht. Danach beginnt auch das, wie alle Elemente in diesem Film, zu „revoltieren“, wie ein Roman von Thomas Pynchon setzen sich die Autoren mit einem narrativen Organismus auseinander, der nicht mehr vollständig kontrollierbar, nicht mehr wirklich Zoo-kulturell ausstellbar ist. Die kollektiven Erzähler in diesem Film, von denen wird nicht nur erzählt, die erzählen auch.

Das denkende Kunstwerk

„Offensiv : experimentell“ ist das Programm. Das heißt das Bewegtbild  muss selber in Bewegung versetzt werden. In die mehr oder weniger geschlossenen Diskurs- Räume, in schrumpfenden öffentlichen Räume, in die offenen Medien-Räume und in die Verknüpfung des e-learning etwa. Deshalb muss aus „Film“ nicht nur Diskurs, sondern, zum Beispiel, auch Netz-Angebot werden, und von der Black Box Kino über den freien Bildschirm bis zum White Cube des Kunstraumes geht der Weg, zum Beispiel, zu einer e-learning Plattform. 

Jedem Experiment wohnt dieser Widerspruch inne, dass es Elemente eines kindlichen, naiven, sorglosen Spiels und einer ernsthaften Herausforderung der Natur, der Gesellschaft, der Gesetze in sich trägt. Jedes Experiment ist ein Spiel mit Freiheit und Kontrolle. (Wissen und Staunen.) Die "Art Girls" in Bramkamp/Weirichs Film entdecken es als erste und geben es als Experiment/Erfahrung weiter: Etwas stimmt mit der Realität nicht.

So fängt das an. Etwas stimmt mit der Realität nicht. Jeder weiß das. Niemand darf es wissen. Dass eine neue Wirklichkeit geschaffen wird, nicht einfach im Sinne einer Geschichte, die die Wirklichkeit stetig und mehr oder weniger sprunghaft-linear verändert, sondern auch als Umwälzung der Wirklichkeitskonstruktion, das gilt als ausgemacht im Zeitalter von Digitalisierung und Biopolitik. Aber sie ist nicht erforscht, sondern selber experimentell. Gewiss, die Welt, die Menschheit ist im ganzen Teil eines Experimentierfeldes geworden. Von Technologie. Wissenschaft. Entertainment. Kapital. Aber wie das abbilden? Wie das erzählen?

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Robert Bramkamp und sein TAO (Teach Art Online)

„Die Ankunft der Neuen Natur ist ein Evolutionssprung, mit dem niemand gerechnet hat. Und es ist sehr schwer damit umzugehen. Viele haben es nicht geschafft. Wir werden es schaffen!“. So sagen es die kollektiven Erzähler.

Susanne Weirich und Robert Bramkamp haben an dem Film „Art Girls“ und an seinen Weiterungen zehn Jahre lang gearbeitet. Daraus entsteht auch auf diese Weise ein Zeit-Bild. Alles, im Film wie in seiner Diskurs-Wolke, führt von der Erfahrung zum Experiment. Gedreht wurde in insgesamt 60 Tagen, allerdings nicht am Stück; auch hier spielt die Zeit für das Bild eine wichtige Rolle; man konnte bereits auf das Material, das vorher entstanden war, reagieren, und so sieht man einem Film zu, der sich selber zusieht, wobei ein anderer Film (Die „Neue Natur“) ihm zusieht, dem wiederum eine Internet-Plattform, Veranstaltungen und Diskussionen zusehen. Dies, vielleicht, ist die Utopie von Robert Bramkamp und Susanne Weirich: Das denkende Kunstwerk. Das Kunstwerk, das ein Bewusstsein von sich selbst entwickelt. Ist das eine Katastrophe? Ist es die Erlösung? Ist es ein notwendiger Schritt? Ist es ein Experiment? Es ist, soviel steht fest, nicht ungefährlich.

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"Neue Natur": Das Netzwerk

Innovatives Filmemachen online

In Teach Art Online werden die Elemente des Filmes noch einmal in Bewegung versetzt. Robert Bramkamp selber gibt eine Lecture/Performance, ganz buchstäblich bzw. bildhaft von den Gestalten und Objekten aus seinem Film assistiert, um in die Techniken und die Grundlagen des „innovativen Filmemachens“ einzuführen. Das Beispiel gibt der crossmediale Film „Neue Natur – "Art Girls" intern“: Es geht um das „Ich des Storytelling“, Potentiale der Dokufiktion, Animation, Potentiale der Medienkunst für die Filmerzählung, um den akustischen Raum zwischen 1 und 128 Kanälen, und nicht zuletzt um Filmproduktion, Filmförderung und die Rolle des Fernsehens einmal anders. Auch das Teaching Film also verlässt sein „Gefängnis“, die Universitäten und Filmhochschulen. Und die Frage, die sich Robert Bramkamp, angefeuert von seinem Darsteller Peter Lohmeyer stellt: „Ist es okay, dass alles zugleich eine Erzählung ist?“. Das ist eine tückische Frage. Aber man kommt nicht um sie herum, egal, ob man Filme machen will oder nur etwas aufmerksamer leben.

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 Innovatives Filmemachen mit Frosch: Ausschnitt aus der E-Learning-Plattform,

Ein Kunstwerk, das durch Partizipation und Bewegung immer klüger wird

Man muss sich das alles, die Filme, die Diskurse, die e-learning Plattform, die Debatten, die wir hoffentlich erleben werden, als glücklich vorstellen. Denn alles handelt davon, wie man aus der Katastrophe herauskommt. Durch die Kunst und durch die kollektive Erzählung. Beides ist bislang immer als größter Widerspruch gesehen worden. 

„Art Girls“ ist der Nukleus eines partizipativen Projekts. So wie der Film entstand durch Einladungen zum Mitmachen an Künstler, Techniker und eben „Erzähler“, so verbreitet er als work in progress den Gedanken eines Mitmachens. Und daraus entsteht etwas anderes als Film plus Echo und Reflexion, nämlich ein lebendes soziales Wesen. Das Kunstwerk, das in seiner Verwertungskette nicht stirbt, sondern durch Partizipation und Bewegung immer klüger wird. Und wunderschön gefährlich.

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"Alles auf Anfang"

Links:

Pressetext Art Girls
 Macht mit beim Kurs "Innovative Filme machen" ab 16.3.2015
Der Kurs vermittelt neue Storytellingtechniken und Produktionsprozesse für den innovativen Film von heute und morgen. Angeboten wird der Kurs von IFF-Hamburg GmbH Institut Forschender Film in Zusammenarbeit mit EYZ-Media GmbH: Einschreiben kann man sich seit dem 5.2.2105, Kursleiter ist Prof. Robert Bramkamp
• Projektseite zum Film
 Website von Robert Bramkamp mit vielen Infos zu seinen Filmen
Weitere Filme von Robert Bramkamp
• Website von Susanne Weirich

 Event zum Film im ZKM