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Penthouse? Suite? Shabby Shabby Apartments!

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Philipp Cron

München steht für hohe Lebensqualität - jedenfalls für die Happy Few, die es sich leisten können ... Bei den Mieten spielt die Stadt in der europäischen Topliga. "Geben wir der Zukunft ein Zuhause im öffentlichen Raum!": Unter diesem Motto riefen die Münchner Kammerspiele zusammen mit dem Architekturkollektiv raumlaborberlin zu dem außergewöhnlichen Projekt auf.  Gleichzeitig ist Shabby Shabby Apartments die Ouvertüre zur Theatersaison und sogleich auch die Premiere des neuen Intendanten der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal. Im Vorfeld haben wir mit ihm über die Zukunft des Theaters und Kunst in Louis-Vuitton-Boutiquen gesprochen.

 

ARTE Creative: Wer ist Matthias Lilienthal?

Matthias Lilienthal: Ich fange nächsten Herbst als Intendant der Münchner Kammerspiele an. Davor habe ich lange Zeit ein freies Produktionshaus geleitet, das "HAU" in Berlin. Ein zentrales Interesse waren ortsspezifische Projekte an ungewöhnlichen Orten der Stadt und die Vernetzung mit dem Theater.

Auch bei ihrem ersten Projekt in München, Shabby Shabby Apartments, geht es um Architektur und den öffentlichen Raum. Haben Sie keine Lust mehr auf Theater?

Doch, klar habe ich noch Lust auf Theater. Wenn man neu in die Stadt München kommt, stellt sich ein übliches Problem: Wohnfläche kostet 20 Euro den Quadratmeter. Ein Problem, das es beispielsweise in Paris und London auch gibt. Das bedeutet, dass die Menschen hier eigentlich nur noch arbeiten um zu wohnen und darüber das Leben aus dem Blick verlieren. Daher versucht Shabby Shabby Apartments zu sagen, dass damit Schluss sein sollte - mit dem Versuch, Sozialwohnungen für die Stadt München neu zu entwerfen. Wir sollten leben, um uns zu amüsieren und dafür genug Knete haben.

Wie ist die Idee zu Shabby Shabby Apartments entstanden?

Es gab ein Vorgängerprojekt in Mannheim Hotel shabbyshabby. Für das Festival Theater der Welt haben wir internationale Architektur- und Künstlerkollektive gebeten, Entwürfe für Hotelzimmer zu machen. In München  sind das jetzt Entwürfe zu Sozialwohnungen. Ich hatte für den Anfang der Spielzeit überlegt, ob wir praktisch so ein richtiges Dokumentartheater zu dem Thema Mieten machen wollen. Da haben mir alle Regisseure immer den Vogel gezeigt und gesagt, sie hätten da keinen Bock darauf. Da sei immer so klar, wer gut und wer böse ist. Dann hatten wir überlegt, dass man einfach junge Menschen fragt, wie sie leben wollen. Wir finden es halt total lustig, wenn auf dem Parkplatz an der Maximilianstraße, praktisch vor dem Gechäft von Yves Saint Laurent, eine solche Sozialwohnung steht. Mit der unmittelbaren Nähe dieser Luxusboutiquen an der Maximilianstraße entsteht so eine Kommunikation an einer Straße, die den Bürgern Münchens eigentlich verloren gegangen ist, und die über so ein Wohnprojekt plötzlich wieder von den Bürgern der Stadt besiedelt wird. Solche Läden wie Yves Saint Laurent stellen ja in ihren kleinen Kunstnischen in den Boutiquen die gesellschaftskritische Kunst von Martha Rosler aus und in dem Moment freu ich mich da drauf, dass die sich mit Sicherheit auch über unsere Kunstprojekte auf der Straße freuen.

Dann kann man ja auch gleich am Morgen nach der Übernachtung Einkaufen gehen!

Ja klar. Aber wenn unsere Theaterbesucher dann nach der verbrachten Nacht in der Sozialwohnung schlaftrunken im Pyjama erst mal raustorkeln, bringt das ein anderes Leben auf die Straße als normalerweise.

Steht man da nicht einem beinahe unbezwingbaren Berg von Auflagen gegenüber? Oder ist eigentlich mehr im öffentlichen Raum möglich, als man denkt?

Naja, da durchläuft man schon einen ordentlichen Genehmigungsprozess, da unser Projekt nicht allen gesetzlichen Vorschriften entspricht! Gut ist, dass die Behörden in München dem gegenüber super aufgeschlossen sind, aber das verlangt von den Behörden und uns das kreative Erfinden von Lösungen, wo beide Seiten sich große Mühe geben, das hinzubekommen.
Hier in München wird ja, jeder Quadratzentimeter öffentlichen Raum von der Stadt extrem genutzt. Jeder Quadratzentimeter der Stadt ist  extrem begehrt. In Städten wie Mannheim oder Berlin kennt man diesen Privatisierungsdruck des öffentlichen Raums  nicht so stark. Insofern wird das hier noch mal schwerer umzusetzen sein. Ich glaube natürlich, dass Städte wie London, Paris oder München unbedingt diese temporäre Nutzung von Raum brauchen und sich genau so die Bedürfnisse vom Wohnen verändern. Wenn wir Künstler einladen und die in Gästeapartments unterbringen, fragen die ja nicht danach, wieviel Platz sie für ihre Bücher haben, sondern sie fragen, wie schnell die Internetverbindung ist: Ob die 18`000 oder 50`000 oder 100`000 kB/s ist. Dementsprechend braucht man kleine, private und eher größere Gemeinschaftsflächen.

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Was ist das Ziel von Shabby Shabby Apartments? Wird das so eine Art ökologisches Disney Land, wo man hingehen kann um das zu bestaunen?

Erstmal ist es ein zutiefst partizipatives Projekt, was wir beispielsweise auch mit der Architekturfakultät der TU München zusammen entwickeln und den Architekturkollektiven, die diese Wohnungen entwerfen. Gleichzeitig hoffen wir auf eine große Diskussion innerhalb der Stadt. Ich glaube, für die Stadt ist es auch der Versuch, über temporäre Architektur, die auch nicht länger als einen Monat halten soll, anders nachzudenken. In Beirut habe ich gesehen, dass die gesamte neu errichtete Innenstadt schlicht und einfach an reiche Araber von den Golfstaaten verkauft wurde,  die die Wohnungen vielleicht zwei Wochen im Jahr nutzen, sonst stehen die leer. Das ist das sogenannte “Zermatt Syndrom”. Zermatt ist ein Ski-Dorf in der Schweiz, das während ein paar Monaten im Winter von Touristen überfüllt wird und der Rest vom Jahr zur Geisterstadt mutiert.

Welche Wirkung ist gewünscht?

Die Wirkung, die erwünscht wäre, ist diese Frage vom Wohnen neu zu thematisieren und die Frage zu stellen, wie man eine Stadt anders denken und bauen kann. Wir müssen uns einfach ernsthaft fragen: Wie wollen wir eigentlich wohnen? Gerade z.B. die japanische Architektur-Avantgarde mit den Regalhäusern schafft ganz andere Voraussetzungen und genau darum geht es. Es gab vor zehn Jahren einen Entwurf eines Stadtteils des japanischen Architekten Sakamoto, für Werkbundsiedlungen, die dann am Ende an einer vergleichsweise geringen finanziellen Summe gescheitert ist. Wenn man sich was wünschen könnte, dann wäre es ein großer, architektonisch-avantgardistischer Versuch dafür, die Stadt München neu zu denken.
Außerdem bauen wir ja auch im öffentlichen Raum diese Wohnungen. Die Leute sehen sie zehn Tage lang am Candidplatz entstehen oder neben dem Stadion von 1860 München oder auf der Maximilianstraße. So werden jedes Mal ganz andere Bevölkerungsgruppen in die Diskussion darüber verwickelt. Gleichzeitig vom Theater aus gesehen finde ich super dass sich der Performance Begriff erweitert, dass es sich also nicht nur darum dreht, dass Schauspieler auf der Bühne eine Rolle spielen und man gepflegt ins Theater  und danach gepflegt essen geht.
Es wird viel spannender, wenn die Leute auf der Maximilianstraße schlafen und plötzlich die luxusshoppenden Araber mit Menschen im Pyjama, die aufs Klo gehen, konfrontiert werden. Oder bei den Sozialwohnungen, die direkt an der Isar neben der Reichenbacher Brücke stehen, wo nachts um zwei die Penner von der Brücke ankommen und fragen, ob die Gäste die da schlafen vielleicht noch was zum Trinken haben.

Was soll der Gast dabei erleben?

Das ist natürlich ein völlig anderes, poröseres Erlebnis von Stadt, zwischen zu tiefst kitschigen Erfahrungen des Schlafens zwei Meter von der Isar entfernt auf der einen Seite, andererseits die fast-Wohngemeinschaft mit den Obdachlosen unter der Brücke. Also genau das aufzugreifen. Das gibt dem Übernachtenden einen vollständig anderen Blick auf die Stadt als in unseren normalen Wohnungen.

Und das ganze ohne Wifi!

Naja es gibt in den Sozialwohnungen nicht mal Strom, aber alle unsere Handys haben auch einen Akku, daher kann man davon ausgehen, dass die Instagram- und Twitter Dichte aus den Übernachtungen relativ groß sein wird.

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Ist das Theater nicht ein Auslaufmodell,  so etwas wie das Vinyl der darstellenden Künste?

Nein, das glaub ich ehrlichgesagt nicht. Ich glaube, dass das Theater so etwas ist wie ein Labor für das Ausprobieren zukünftiger urbaner Lebensformen und ein Ort, an dem die technologischen Neuerungen immer wieder ausprobiert werden können. Letztendlich ist es ein öffentliches Forum, wo die Gesellschaft darüber diskutiert, wie sie Lust hat ein künftiges Leben zu gestalten und ich glaube dieses Reflektionsforum braucht die Gesellschaft dringend.  

Wie schaut das Theater von 2050 aus?

Beispielsweise die Arbeiten von Rimini Protokoll zerlöchern den Begriff des Theaters, indem Menschen aus der Realität auf die Bühne gelassen werden. In den Rechercheprojekten, wo man dem Leben in der Stadt nachgeht, werden auf der Bühne völlig andere Momente gesetzt. Auch die Schauspielerei hat sich schon längst in Richtung von Performance verschoben, da werden die Kammerspiele auch ein großer Modellversuch sein, wie man sich ein Theater für 2050 denken kann.

Ist es problematisch, dass das Theater nur noch Bildungsbürger erreicht?

Ich bin über die linksliberalen Bildungsbürger, die gerne in die Münchner Kammerspiele gehen total froh und hoffe, dass ich zusätzlich eine jüngere Szene ins Theater ziehen kann. Mich interessiert es aber natürlich, einen Ausbruch des Theaters aus einem bildungsbürgerlichen Ghetto zu inszenieren. Wir werden versuchen inhaltliche Angebote für jüngere Menschen zu gestalten, auch über avantgardistische elektronische Musik, Pop-Konzerte und Kollaborationen mit den Universitäten denken wir nach. Es wird vier Regisseure geben, die fest am Hause Arbeiten, die alle um die 30 Jahre herum sind. Die Münchner Kammerspiele sollten funktioniert wie eine Szenenkneipe: Es stehen dieselben Leute vor dem Tresen wie dahinter.

Was haben sie sonst noch für München geplant?

Da gibt es schon Pläne, aber da darf ich noch nicht allzu viel verraten. Was ich sagen kann ist, dass es eine Öffnung der Kammerspiele ganz deutlich in Richtung freier Szene geben wird. Es wird z.B auch eine Zusammenarbeit mit dem Théâtre Nanterre-Amandiers mit Philippe Quesne geben.

 

Mit Matthias Lilienthal sprach Philipp Cron.

 

Links:
Münchner Kammerspiele
Raumlabor Berlin

• Shabby Shabby Appartements auf ARTE Info