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Cinema Perverso – Gestatten: Trash!

ARTE Creative

Gestatten: Trash!

Sie versteckten sich in den dunkelsten und zugigsten Ecken, oft sogar im zweiten Stock irgendwo hinter Gleis 26. Doch in den Sechziger- und Siebziger-Jahren waren Bahnhofskinos ein Fenster zur Welt. Während draußen die Reisenden hektisch durcheinander wimmelten, herrschte in den gut gepolsterten Sitzen gespannte Erwartung. Pendler und Geschäftsreisende vertrieben sich die Zeit bis zur Abfahrt mit den "Liebeshexen vom Rio Amore". Teenager studierten die Gesten und Sätze von Clint Eastwood um danach hoffentlich zum Mann zu reifen.

Kinos mit Zuganbindung fand man damals in fast jeder deutschen Großstadt. Doch die Filme, die hier rund um die Uhr liefen waren keine Familienunterhaltung, sondern großmäuliges Spektakelkino. "Bist du hart genug für diesen Film?" – fragte bereits die Werbung in den Tageszeitungen. "Ja! Ja! Ja!" lautete die enthusiastische Antwort all jener, die wissen wollten, was in der "Nacht der reitenden Leichen" geschieht. Und wie es der damalige Zeitgeist wollte, herrschte in den schummrigen Sälen auch der Geist der sexuellen Aufklärung: Schulmädchen, Hausfrauen, die Eingeborenen des Amazonas - alles wurde in mehrteiligen Reports freizügig untersucht.
In normalen Kinos gab es solche Filme nur selten zu sehen. Zu schamlos, zu brutal, zu kontrovers in der Haltung. Heute hat sich in dieser Hinsicht allerdings einiges geändert: Der deutsche Regisseur und Oscarpreisträger Michael Haneke vergleicht Sergio Corbuccis "Leichen pflastern seinen Weg" mit einer Monteverdi-Oper. Quentin Tarantino und Robert Rodriguez sind nicht nur große Fans des Trash-Kinos - sie haben sogar Remakes gedreht, von Filmen wie "Django" oder "Ein Haufen verwegener Hunde". "Grindhouse" nennt man solche Streifen in den USA.
Entstanden sind die deutschen "Bahnhofslichtspiele" und "Aktualitäten-Kinos" - kurz Balis und Akis - nach dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten Bahnhöfe lagen in Trümmern. Doch nach dem Wiederaufbau gab es genug Raum für die gute Idee, den Reisenden die Wartezeit mit Filmen und Nachrichten zu vertreiben. Feste Anfangszeiten existierten in diesen kulturellen Transitzonen nicht, die Programme liefen nonstop – "von 9 Uhr früh bis 1 Uhr nachts". Ein Film war meist dann zu Ende, wenn sich die Abfahrtszeit des Zugs näherte. Komplexe Handlungen machten in diesem Rahmen wenig Sinn. Es ging um Bilder, Schock-Effekte und einen neuen Umgang mit Storys und Themen. Vampire versteckten sich nicht mehr hinter wallenden Umhängen – jetzt geisterten sie feminin, nackt und sexy zu funky Popmusik durch die nach wie vor düsteren Korridore.
Heute lachen wir über die Skurrilitäten dieser Zeit, obwohl damals sehr viel mehr experimentiert wurde und sehr viel mehr möglich war als im heutigen Kino. Die zugigen und dunklen Bahnhöfe sind längst zu antiseptischen Shopping Malls verkommen. Und die letzten noch existenten Balis und Akis – etwa in Kassel, Alzey oder Berlin-Zehlendorf - unterscheiden sich schon lange nicht mehr von normalen Kinos. Wer heute ein Fenster zur Welt sucht, findet nur ein Guckloch – im Display des eigenen Smartphones.
Der Filmemacher Oliver Schwehm hat mit seiner Dokumentation "Cinema Perverso" den Bahnhofslichtspielen und ihrer Ära nun ein liebevolles Denkmal gesetzt. Ein Blick zurück in jene verspielt naive Zeit "Als die Frauen noch Schwänze hatten".

Jürgen Ziemer

Auf ARTE :

Cinema Perverso - Die wunderbare und kaputte Welt des Bahnhofskinos, Samstag, 31. Oktober 2015 um 22:00 Uhr auf ARTE und bis zum 29.1.2016 auf ARTE Creative zu sehen.
• ARTE Cinema: Schwerpunkt Trash-Filme Starke Frauen, vom 22. Oktober bis 9. November 2015

Cinema Perverso – (1/7) Hausfrauenreport
Cinema Perverso – (2/7) Macho Man
Cinema Perverso – (3/7) Planet der Vampire
Cinema Perverso – (4/7) Rache für Bruce Lee
Cinema Perverso – (5/7) Sex im Rampenlicht
Cinema Perverso – (6/7) Sankt Pauli zwischen Nacht und Morgen
Cinema Perverso – (7/7) Verbotene Welt

 

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