Coworking

Coworking Spaces

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Trotz steigender Mobilität und Flexibilität arbeiten wir noch immer nicht nur von zu Hause aus. Wie ist das zu erklären? Kathrin Passig über die Zukunft des Arbeitsplatzes. Ein Blick aus der Vergangenheit und gegenwärtige Aussichten.

“So wie wir heute über Fernsprechleitungen miteinander verbunden sind”, hieß es 1981 in der "Zeit", “wird morgen die Welt von einem Netz aus Kommunikationsschienen durchzogen sein, auf denen sämtliche Informationsprozesse ablaufen, Telephon, Fernsehen, Bankgeschäfte, der Einkauf der Hausfrau wie die Order eines Reeders. Das führt zur Dezentralisation der Arbeitsplätze. Denn wer muß noch ins Büro gehen, wenn er die Büroarbeit am Computer daheim verrichten kann.”

Wie das Büro von 2001 im Jahr 1967 aussah.

Obwohl das “Netz aus Kommunikationsschienen” programmgemäß verlegt wurde, gehen vierzig Jahre später immer mehr Menschen freiwillig ins Büro. Sie tun es, obwohl sie selbstständig sind und ihre Arbeit genausogut am heimischen Schreibtisch oder im Bett verrichten können. Ihre Büros heißen Coworking Spaces und ähneln auf den ersten Blick herkömmlichen Bürogemeinschaften. Allerdings gibt es weder Vorstellungsgespräche, ob man auch wirklich in die Runde der alteingesessenen Mieter passt, noch gibt es (in der Regel) Mietverträge. Die Miete reduziert sich, wenn man statt tageweise für eine Woche oder einen ganzen Monat bezahlt; davon abgesehen ist die Dauer des Mietverhältnisses kein Thema. Ein Sitzplatz und die Internetversorgung sind inbegriffen, wer eine Kaffeeflatrate, feste Arbeitsplätze, Schließfächer oder Konferenzräume benötigt, kann sie flexibel hinzubuchen. Manche Anbieter sorgen für Schlafsofas, andere bieten sogar Übernachtungsmöglichkeiten für nomadische Teams oder deren auswärtige Mitglieder.

Die Diskussion, ob es nicht dauerhafte Orte für die gemeinsame Arbeit von Selbstständigen geben sollte, begann in Berlin 2007 auf dem “9 to 5 – Wir nennen es Arbeit"-Festival. Zuerst entstand daraus das nichtkommerzielle “Hallenprojekt”, das bald wieder einschlief. Ab 2009 aber kam die Entwicklung in Gang – nicht nur in Berlin. “Rund um den Erdball gibt es mehr als tausend, in Berlin sind es zurzeit 25 bis 30”, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Ende 2011. Im August 2012 zählte das Coworking-Onlinemagazin "Deskmag" bereits 1779 Coworking Spaces weltweit, 167 davon in Deutschland. Im April 2013 waren es knapp 2500, “auf Werktage umgerechnet, entstanden weltweit in den letzten zwölf Monaten täglich 4,5 neue Coworking Spaces”, berichtete "Deskmag".

Dass kaum jemand mehr ins Büro gehen wollen würde, wenn die Zukunft endlich da wäre, schien klar. Dass man es vielleicht doch wollen könnte, nur eben in ein anderes, selbstgewähltes und sogar selbst bezahltes Büro, das taucht in den Vorhersagen nicht auf. Dabei ist dieses Arbeitsmodell gar nicht so neu. Auch in vorindustriellen Zeiten waren Wohnung und Arbeitsplatz Nachbarn, die Arbeitszeiten flexibel, die Gestaltung des Arbeitsplatzes lag in den Händen seiner Nutzer.

Die Coworking Spaces haben nicht alle das herkömmliche Büro des 20. Jahrhunderts zum gemeinsamen Vorfahren. Es gibt die vom Café abstammenden in allen Abstufungen. Das Berliner “Oberholz” ist eine dieser noch sehr cafénahen Zwischenstufen, eine Weiterentwicklung bildet die “Café”-Etage des Berliner betahaus. Hier wird nur der schon länger etablierte Brauch des Arbeitens im Café auf eine dauerhaftere Basis gestellt. Es gibt die von der Werkstatt oder dem Künstleratelier abstammenden, in denen sich einfindet, wer mehr mit Materie arbeitet und dafür zum Beispiel einen Lasercutter oder einen 3D-Drucker benötigt. Es gibt die von der Wohngemeinschaft abstammenden: Möbel vom Sperrmüll, Bier im Kühlschrank, Debatten über den Putzplan. Nur ein Teil leitet sich tatsächlich vom klassischen Büro ab. Man erkennt ihn an Systemschreibtischen, Meetingräumen und geregelten Öffnungszeiten.

Warum gerade jetzt? Warum erst jetzt? Eine zentrale Rolle spielt die Leistungsfähigkeit und der gesunkene Preis von Laptops und anderen mobilen Geräten. Das Zwei-Rechner-System der frühen nuller Jahre – ein klobiges Gerät unter dem Tisch für die “eigentliche Arbeit”, und einen Laptop nur für unterwegs – ist auf dem Rückzug. Nachdem sich die Hoffnung auf das “papierlose Büro” längst in Hohn verwandelt hatte, erfasste die Digitalisierung schließlich doch noch weite Bereiche des Berufs- und Privatlebens. Es ist gar nicht mehr so dringend notwendig, sich in einem Raum mit zahllosen Aktenordnern aufzuhalten, um arbeiten zu können. Was man nicht auf dem eigenen Rechner dabei hat, lagert in der Cloud. Neue Kollaborationswerkzeuge ermöglichen die Verwaltung großer Büros mit kleinem Aufwand. Und nicht zuletzt ist es dank der sozialen Netzwerke viel leichter geworden, Interessierte für eine Neugründung oder Mieter für freiwerdende Plätze zu finden.

Erfolgreiche Coworking Spaces sind Pionierpflanzen: Sie siedeln sich vor allem in Gegenden an, in denen die Mieten noch niedrig sind, die aber nah genug an den Wohnvierteln mobiler Selbstständiger liegen. Steigen die Mieten später auch hier, muss der Coworkingspace entweder – wie das Berliner betahaus – bis dahin erfolgreich etabliert sein und Überschüsse erwirtschaften oder weiterziehen. In einer Gegend, in der die Mieten bereits hoch sind, ist es schwer, geeignete Räumlichkeiten zu finden und dauerhaft zu finanzieren. Die Mitte 2010 und Anfang 2011 gegründeten betahaus-Ableger in Hamburg und Köln mussten beide 2013 Insolvenz anmelden.

Trotz dieser Rückschläge hat das Modell der Coworking Spaces Zukunft. Die technischen Veränderungen am Arbeitsplatz ziehen organisatorische nach sich. Es ist leichter geworden, in projektbezogenen Gruppen zu arbeiten, die sich für jeden Auftrag neu formieren und danach wieder auflösen. Durch den Trend zum Outsourcing in größeren Unternehmen entstehen mehr dieser Gruppen. Neue Unternehmen lassen sich immer leichter mit niedrigem Startkapital und ohne festen Ort der Zusammenarbeit gründen. Und wer sich ohne das externe Korsett eines Angestelltenverhältnisses oder eines Büroarbeitsplatzes selbst zur Arbeit motivieren muss, der profitiert von einer Art Arbeits-Cargokult – Coworking Spaces versorgen auch Selbstständige mit einem Arbeitsweg, Gesellschaft am Arbeitsplatz, einer Umgebung, die zumindest den äußerlichen Anschein von Produktivität vermittelt, kurz: mit den körperlichen Routinen des Hineingleitens in die Arbeit.

Ein Zukunftsmodell, das in einigen wenigen Coworking Spaces bereits angeboten wird, ist die Kinderbetreuung am Arbeitsplatz, ein anderes das aus den Niederlanden stammende “Freeworking”-Modell. Dort bietet der kommerzielle Sitzungssaal-Vermieter "Seats2Meet" kostenlose offene Arbeitsbereiche, sogar die Versorgung mit Kaffee, Tee und ein Mittagsbuffet sind gratis. Einnahmen generiert "Seats2Meet" unter anderem durch die Vermietung von Tagungsräumen.

In der Regel aber müssen Coworking Spaces um zahlende Nutzer werben und können diese Nutzer nicht wie traditionelle Arbeitsplätze vor vollendete Tatsachen stellen. Das führt dazu, dass sie sich viel stärker als andere Arbeitsorte an deren Wünschen und Bedürfnissen orientieren müssen und entsprechend schneller auf Veränderungen im Markt reagieren. Schon deshalb lässt sich am Coworking Space mehr über die Zukunft der Arbeit ablesen als am herkömmlichen Büro, und sei es noch so fortschrittlich designt. Allerdings ist die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit der Nutzer bisher – abgesehen von internen Erhebungen – noch weitgehend unerforscht. In Interviews kommen bestenfalls die Betreiber zu Wort. Die Mieter werden, wenn überhaupt, nur nach den Gründen befragt, warum sie überhaupt einen Coworking Space nutzen, nicht nach den Details eines spezifischen Orts. Und trotz des starken Wachstums gibt es in vielen Städten noch nicht genug Auswahl, als dass die Nutzer ihre Meinung durch Abwanderung von einem Betreiber zum anderen kundtun könnten.

Ein wesentlicher Trend zeichnet sich dennoch ab: Das “Büro der Zukunft” wird sich von dem der Gegenwart oder der Vergangenheit allen Abschlussarbeiten von Designstudenten zum Trotz nicht so sehr durch seine futuristischen Arbeitsmöbel unterscheiden, sondern durch seine organisatorische Struktur und seine sozialen Aspekte. 

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