Spegma: New Aesthetic

New Aesthetic

Anonymous

Gibt es eine ästhetische Signatur der zunehmend vom Digitalen geprägten Gegenwart? Gibt es jenseits der Nullen und Einsen, aus denen die digitalen Bilder, Töne, Artefakte und Daten bestehen, etwas, das sie zusammenhält, eine digitale Ästhetik, vielleicht sogar einen erkennbaren Stil?

In den 1980er Jahren hätte man bei dieser Frage zu einem der einschlägigen Merve-Bändchen von Baudrillard oder Virilio gegriffen und die Antwort hätte gelautet: das Simulakrum. Oder die Virtualität. Oder die Ästhetik des Verschwindens. Heute ist die Lage unübersichtlicher geworden. Das postmoderne Pathos, mit dem das frühe Computerzeitalter besungen wurde, ist einer pragmatischen Vielfalt gewichen, während gleichzeitig die digitalen Technologien immer tiefer in unseren Alltag eindringen.

Einen neuen Versuch unternimmt nun der britische Autor, Verleger und Programmierer James Bridle. Seit 2011 sammelt er auf seinem Blog The New Aesthetic Fundstücke, die eine neue Art des Sehens dokumentieren. Bekannt wurde sein Schlagwort von der New Aesthetic, als er diese 2012 in einem Panel auf der SXSW-Konferenz diskutierte. Zu Bridles Ausgangsbeobachtungen zählt, dass digitale Objekte vermehrt in der physischen Welt auftauchen. Früher war es so, dass das Digitale versuchte, Objekte aus der realen Welt wiederzugeben. Grob gepixelte Grafiken stellten menschliche Figuren dar, z.B. Sportler bei Computerspielen wie Summer Games auf dem C64. (Auch wenn Computergrafik von Anfang an für abstrakte Bilder genutzt wurde, etwa Durchrechnungen mathematischer Formeln wie die als Apfelmännchen berühmt gewordene fraktale Mandelbrot-Menge). Heute ist es umgekehrt: das Digitale wandert hinaus in die Welt. Die Pixel gehen auf die Straße. Pac-Man wird auf den Straßen Manhattans von realen Menschen in Pac-Man-Kostümen gespielt und sogenannte Pixel Art findet sich zunehmend außerhalb des Bildschirms, vom mit Pixelmuster bedruckten Kopfkissen bis zu Douglas Couplands Skulptur Digital Orca. Bridle sammelt in seinem Blog unermüdlich weitere Beispiele. Doch sieht er darin nicht bloß einen Retro-Trend am Werk, sondern Anzeichen für das Verschwimmen der Grenze zwischen realer und digitaler Welt.

Die Verpixelung der Welt ist nur ein Aspekt der New Aesthetic, der die Dominanz digitaler Technologien in unseren Ausdrucksformen ästhetisch sichtbar macht. Ein anderer ist Glitch Art, eine Kunstrichtung, die Fehler elektronischer Medien ästhetisch ausnutzt. So wie die menschliche visuelle Wahrnehmung ihre blinden Flecken, Aussetzer und Verzerrungen hat, produziert auch die apparative digitale Wahrnehmung ihr spezifisches Bild der Realität und ihre ganz eigenen Effekte: Pixelfehler, Rauschen (in akustischen wie visuellen Signalen), Farbverschiebungen oder Verzerrungen in Google Street View. Ein besonders schönes Beispiel sind die Rechenfehler in der 3D-Ansicht des Kartenprogramms von Apples iOS6, bei denen Autobahnkreuze aus Beton sich verflüssigen wie die Uhren in einem Bild von Dalí.

 

Die New Aesthetic hält Einzug in die Werbung: Glitch Art im Clip eines saudischen Mobilfunkanbieters

Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel stellte in einem berühmten Aufsatz einmal die Frage Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?, um zu zeigen, dass wir uns trotz aller naturwissenschaftlichen Erkenntnisse niemals das Bewusstsein einer Fledermaus mit ihrer Echolot-Wahrnehmung erschließen können. Ebenso werden wir niemals wissen, wie es ist, ein Computer zu sein, aber immerhin können wir den Output seiner technischen Wahrnehmung sehen, und die Pixel und Bildfehler zeigen uns dessen seltsame Fremdartigkeit.

Wir beginnen, so Bridle, die Welt mit den Augen der Maschinen zu sehen. Das stetig wachsende Netzwerk digitaler Geräte schlägt seine Milliarden von Kamera-Augen auf und streckt seine sensorischen Fühler aus, um die Welt zu erkunden und die aufgenommenen Signale zu verarbeiten. Eine neue, technisch generierte ästhetische Sensibilität erwacht. Wir winken den Maschinen zu und jetzt winken sie zurück, so die griffige Formel von Bridle für die neuen, zunehmend hybriden ästhetischen Verhältnisse zwischen Menschen und Maschinen.

Die Pixel schauen zurück. Interaktive Installation fragments of RGB - 02 von onformative

8-Bit-Ästhetik, Glitch Art, auf Computeranimationen beruhende Blob und Parametric Architecture, Bilder von Satelliten, Drohnen und Überwachungskameras, Experimente mit dem Bildmaterial von Google Earth oder Google Street View, Zeitraffer-Videos – die Liste der von Bridle als Beleg für seine New Aesthetic herangezogenen Phänomene ist lang und wirkt ein wenig beliebig. So überzeugt sie auch nicht so sehr durch eine kohärente Theorie oder programmatische Ausrichtung als vielmehr durch die Evidenz ihrer Beispiele. Bei der New Aesthetic handelt es sich eher um eine vage Haltung, eine neue Sensibilität gegenüber einer zunehmend von digitalen Texturen und errechneten Bildern überlagerten Welt, denn um ein stringentes Konzept. Neben dem fehlenden begrifflichen Fundament trug der schwache Name (“new aesthetic is new”) sein Weiteres dazu bei, eine Vielzahl kritischer Reaktionen von Medienkünstlern, Kunstkritikern und Theoretikern zu provozieren. So ist die New Aesthetic für Science-Fiction-Autor Bruce Sterling zwar pop, transgressiv und punk, aber gleichzeitig Ausdruck eines ganz traditionellen Avantgarde-Verständnisses, propagiert von einem kleinen Zirkel Londoner Designer und Kreativer. Dennoch gesteht er Bridle zu, etwas Profundem auf der Spur zu sein. Vielleicht wird demnächst ein Computerprogramm eine passendere Bezeichnung für das Neue der New Aesthetic auswürfeln.

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