PLA©EBO, 1991

Zwischen Aufbruch und Sehnsucht: Die Kunst der 90er Jahre

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ARTE Creative

In der Ausstellung "1984-1999. Das Jahrzehnt" widmet sich das Centre Pompidou-Metz einer kuriosen künstlerischen Epoche. TV-Geräte statt Christus, mit Bomben präparierte Kinderräder, bunte Anti-AIDS-Pillen – die Kunst der 90er erfand sich in einer turbulenten Zeit der Umbrüche und Veränderungen, irgendwo zwischen den revolutionären 70ern und den fortschrittlichen 2000ern. In der Ausstellung erinnert das Centre Pompidou-Metz jetzt an diese Epoche und ihre Künstler. Am Ausstellungs-Eingang befindet sich außerdem eine große Projektion des Manifests des Summer of the 90s!

Man hat es im Centre Pompidou-Metz mit keiner typischen Retrospektive zu den 90er Jahren zu tun. Vielmehr findet sich der Besucher in einem großen, offenen Raum wieder, und bewegt sich frei zwischen zwei Ausstellungslandschaften: Tag und Nacht, Stadt und Natur, Innen und Außen, initiiert durch die großen Fotographien eines Waldes auf der einen und einer nächtlich erhellten Großstadt auf der anderen Seite. Inmitten dieser beiden Welten, entwickelt von der international bekannten Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster, offenbart sich die Epoche als biografischer Raum mit mehreren Zugängen: Objekte, Töne, Stimmen, Bilder, Gedanken und Empfindungen lassen die 90er Jahre zum Gefühl werden.

Die Ausstellung ist Spiegelbild des Lebensgefühls der 1990er-Jahre, das François Cusset, Professor für amerikanische Zivilisationsgeschichte an der Universität Nanterre, wie folgt beschreibt: „Eine Welt, in der die ‚Jugendlichen‘, zumindest jene, die Mitte der 1980er Heranwachsende waren, angesichts des immensen ideologischen Vakuums neue Formen der Weltflucht und des inneren Exils erfinden mussten.“ Deshalb ist diese Kunst der 90er direkt und unmittelbar. Sie drückt den Zustand zwischen der Melancholie über den Verlust einer alten, und die Freude über die Geburt einer neuen Epoche aus.

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Interview mit Liam Gillick

„Sie mussten Gegenwelten ersinnen, die die Welt für sie bewohnbar machten, um so in mehr oder weniger kurzfristigen Autonomien zu leben. Eine Welt, die sich in Auflösung befand, in der das Traurig sein an sich den einzigen Bezug zur Welt bildete, wenn nicht sogar, wie ein Jugendlicher es ausdrückte, die einzige Möglichkeit war, nicht ganz und gar unglücklich zu sein.“

Die in der Ausstellung präsentierten Werke wurden in der Zeit zwischen 1984 und 1999 geschaffen, darunter finden sind auch einige Künstler, die in dieser Zeit ihre ersten Werke entwickeln. Zum Beispiel der italienische Künstler Maurizio Cattelan, der einem ausgestopften Esel ein Fernsehgerät auf den Rücken montiert hat. Eine zynische Anspielung auf die Massenmedien: Auf dem Esel sitzt in christlichen Darstellungen normalerweise Jesus mit seinem Palmwedel.

Exposition 1984-1999. La Décennie, Galerie 1, Ville, intérieur, nuit

Foto: Centre Pompidou Metz

Dominique Gonzalez-Foerster, die in den 90ern zusammen mit anderen heute renommierten Künstlern wie Philippe Parreno oder Pierre Huyghe ebenfalls ihre ersten großen Ausstellungen hatte, erklärt im Interview mit dem SWR2: „Wir bezogen uns mehr auf Kinofilme oder Medien als auf die Kunstgeschichte. Seit dem Jahr 2000 gibt es wieder viele Werke, die auf die Kunstgeschichte zurückgreifen. In den 90ern war das anders – da ging es mehr um ein Gefühl von 'Wirklichkeit'."

Beim Durschschreiten des Raumes bleibt der Blick an einem kleinen Kinderrad von Carsten Höller hängen. Auf dem Gepäckträger eine Benzinbombe, die beim ersten Pedaltritt in die Luft geht: "Killing Children". Kritik einer Generation, die bei aller Melancholie vergisst, an die Zukunft und künftige Generationen zu denken? Die soziale Realität der 90er Jahre offenbart sich durch die Werke meist unmittelbar. Die Arbeit „PLACEBO“ der drei kanadischen Künstler General Idea zielt mit ihren sechs pastellfarbenen „Megapillen“, relativ eindeutig auf die wiederholten Misserfolge bei der Entwicklung einer überzeugenden Therapie gegen AIDS.

Genauso subjektiv und individuell unterschiedlich wie die Objekte und Erinnerungen an die 90er sind, kann der Audioguide zur Ausstellung verwendet werden: ausgestattet mit dem Soundtrack der 90er, einer Playlist mit Songs der Breeders, Nirvana, Sonic Youth und vielen weiteren Musikidolen der Epoche, und Ausschnitten aus Interviews mit Zeitzeugen wie Wolfgang Tillmans, Hans-Ulrich Obrist oder Michel Houellebecq, kann der visuelle Part der Ausstellung komplettiert werden. „Die Berichte auf den Audioguides beziehen sich auf kein spezielles Gebiet oder eine spezielle Frage: Sie sind frei und durchstreifen einen Moment in der Epoche. Sie projizieren Bilder, Gefühle und produzieren Ellipsen. Diese Audioguides sind keine pädagogischen Werkzeuge, sondern der 'Soundtrack' der Ausstellung“, sagt die Kuratorin Stéphanie Moisdon.

No More Reality (Twin Peaks), 1991
No More Reality (Twin Peaks), 1991
© Philippe Parreno

Auch die Bewegtbilder der Künstler der 90er Jahre finden in Form von Filmen und Trailern ihren Platz in der Ausstellung. In einem kleinen Saal werden von Jean-Luc Godards Le Dernier Mot (1988) über Snaking (1992) von Pierre Joseph und Philippe Parreno bis hin zu Paul McCarthys Painter (1995) rund um die Uhr entscheidende Werke namhafter Künstler gezeigt.

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Interview mit Wolfgang Tillmans

Vor allem jedoch erzählt uns die Ausstellung, von der sich damals, zwischen 1984 und 1999, bildenden Künstler-Szene zwischen Grenoble, Zürich, London, Dijon, Nizza und New York. In die besondere Atmosphäre dieser Kunstausstellungen der 90er Jahre, befreit von den Mythen des 20. Jahrhunderts, international, global, städtisch und ländlich, kann der Besucher sich gerade deshalb so gut einfühlen, weil nicht versucht wird, ihm ein bestimmtes Wissen didaktisch zu vermitteln.

Affiche de l'exposition "1984-1999. La Décennie"

Die Ausstellung
1984-1999. La Décennie
Vom 24. Mai 2014 bis zum 02. März 2015
im Centre Pompidou-Metz

Die Künstler
Peter Fischli, David Weiss, IFP, Dan Graham, Ettore Sottsass, Christopher Williams, Herzog & de Meuron, Rem Koolhas, Jean Nouvel, Roman Cieslewicz, Grafibus, Karen Kilimnik, Jean-Luc Verna, Liam Gillick, Carsten Höller, Mike Kelley, Elaine Sturtevant, Robert Mapplethorpe, Paul McCarthy, Richard Artschwager, John Baldessari, Louise Lawler, Heimo Zobernig, General Idea, Rosemarie Trockel, David Robbins, Cady Noland, Rémy Zaugg, On Kawara, Angela Bulloch, Henri Bond, Philippe Parreno, Dominique Gonzalez-Foerster, Bernard Joisten, Pierre Joseph, Allen Ruppersberg, BLESS, Richard Prince, Philippe Thomas, Karen Kilimnik, Allan McCollum, Louise Lawler, Rob Pruitt, Walter Early, Maurizio Cattelan, Felix Gonzalez-Torres, Harmony Korine, Wolfgang Tillmans, Bernadette Corporation, Raymond PETTIBON, Pierre Huyghe, Collier Schorr

Lesen
"Une Histoire (critique) des années 1990"
Sammel-Band herausgegeben von François Cusset mit Texten von Francis Fukuyama, Serge Daney, Philippe Parreno, Matthieu Rémy, Mathieu Triclot, Jean Baudrillard, Judith Buttler, David Foster Wallace...
erschienen im Verlag La découverte, in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou-Metz
Weitere Informationen über diese Publikation nächste Woche bei ARTE Creative!

Bei ARTE
Verpasst nicht unseren Sommer-Themenschwerpunkt "Summer of the 90s!"
Street and Style am 16. und 17. August
Cool Britania am 23. und 24. August
• Dokumentarfilm "Die Entführung des Michel Houellebecq", am 27. August

Auf arte.tv
Summer of the 90s
Ihr seid dazu eingeladen, mit uns gemeinsam das Manifest der 90er in Bildern zu schreiben!
Entdeckt auch das gesamte Angebot von ARTE: die besten Tracks-Reportagen der 90er Jahre, ganze Konzerte bei ARTE Concert, eine Spezial-Ausgabe von Professeur Zyklop, und die Klänge von ARTE Radio.

Auf ARTE +7 in dieser Woche
Welcome to the 90s (3/4) Come as you are : Grunge, Riot Grrrl, Britpop, Nu Metal
La mode des années 90: Grunge !
Trop jeune pour mourir River Phoenix, l'étoile filante
The Buena Vista Social Club
The 90s in Music (4/6) Live, Clips & Unplugged

Credit Teaser-Foto: General Idea, PLA©EBO, 1991
Interviews vom Centre Pompidou-Metz

 

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