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Comic Sans ist deine Lieblingsschrift? Die Geschichte der Typografie als Spiel

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ARTE Creative

Geh auf die Suche nach dem dritten Punkt, löse das Buchstabenrätsel, sammle die Sternchen und durchrolle die verschiedenen Level des Spiels bis zum finalen Überraschungs-Level. Garamond, Times, Helvetica werden dir keine Geheimnisse mehr aufgeben... Jetzt geht's los!

Tipp Nr. 1: Der Erfinder heißt Connare [AdÜ.: lautsprachlich erinnert das frz. an „connard“ - Blödmann] – sowas kann man sich nicht ausdenken. Tipp Nr. 2: Die Haltestelle Campo Formio war die einzige in Paris, die diesen Schriftschnitt auf Ihrer Beschilderung verwendet hat, ungeachtet aller grafischen Vorgaben. Tipp Nr. 3: Eine Petition gegen diese typographische Zumutung für die Fahrgäste der Linie 5 kam in 14 Tagen auf 80 000 Unterschriften. Eine Gegen-Petition „die Fahrgäste der Metro hätten Besseres verdient als immer nur die ‚Parisine‘“ ließ nicht lange auf sich warten. So äußert sich nur einmal mehr die altbekannte Hassliebe gegenüber diesem Schriftschnitt. Dessen Namen zu erraten, sei Ihnen hier selbst überlassen. Er ist der Star des geheimen Levels des Spiels Type:Rider.

Entworfen von Cosmografik, alias Théo Le Du Fuentes und produziert von Ex nihilo und ARTE für Handys und Tablet-PCs, zeichnet das zeitlose Videospiel die Geschichte der Typographie von A bis Z nach – von den ersten Felszeichnungen bis hin zu den Digitalschriften – darunter einige der bekanntesten Schriften, wie Gothic, Garamond, Times, Future, Helvetica… Dabei wird der Dichter und Schriftdesigner Jérome Peignot beim Wort genommen: „Befasst man sich mit der Geschichte der Buchstaben, so stößt man unweigerlich auf die Geschichte der Menschheit“. Ob als kalligraphische Schrift oder als geometrische Form, ob mit oder ohne Serifen, ob als Bleilettern oder Vektorschriften: ausdrucksstarke Schriften waren immer auch Ausdruck ihrer Epoche – sie vermitteln mehr als nur Worte.

Der Spieler schickt zwei Punkte eines Satzes auf die Suche nach einem dritten – quer durch die Epochen und die Techniken. Type:Rider ist Geschicklichkeits- und Ratespiel zugleich. Es greift auf einen reichen Schatz an Dokumentarfilmen zurück, ohne in die spielerische Didaktik abzugleiten. Stattdessen bedient es sich reichlich bei der Poesie. Die Archive und Reproduktionen (der Zusammenarbeit mit hochrangigen Institutionen wie der Bibliothèque Nationale de France, der Graphischen Sammlung, dem Druckereimuseum Lyon, Bridgeman Art etc. zu verdanken) finden sich raffiniert mit dem Erzählstrang verwoben. Das Schriftbild der Epoche ist detailgenau wiedergegeben und technische Erfindungen sind spielerisch aufbereitet.

Die Gutenberg-Bibel – wegen ihrer 42 Zeilen pro Seite auch „B42“ genannt – ist das erste mit beweglichen Lettern hergestellte Druckwerk. Sie besteht aus mobilen Textblöcken, zwischen denen sich die Satzpunkte bewegen müssen. Die Gravierung mit einem Setzkasten wird zum Labyrinth. Die Idee des Hindernisses ist von der Linotype-Maschine inspiriert, die Anfang des 20. Jahrhunderts das Verlagswesen revolutioniert hat. Mit der Airbrush-Pistole des Werbegrafikers Cassandre, der als einer der ersten Lettern als grafische Elemente verwendet hat, kann man sich von einem Punkt zum nächsten katapultieren. Jeder Schriftschnitt ruft starke Assoziationen wach – wie die „Gothic“  mit ihrer klangvollen urtümlichen Religiosität, die Western-Stimmung einer „Clarendon“ – bekannt von jedem „Wanted“-Plakat – oder auch die Cyberspace-Stimmung der Computer-Schriften. Schriftarten drücken Stimmungen aus: die eleganten abgerundeten Konturen der Garamond wirken fließend und feinsinnig, die moderne Futura wirkt chaotisch und treibt den Spieler in einem Kandinsky-Gemälde in die Enge. Schnell und impulsiv wirkt dagegen die richtungsweisende und einflussstarke Helvetica. Je einfacher die Schriftgestaltung, desto komplexer das Spiel.

„Wir wollten ein richtiges Videospiel mit kulturellem Bildungsanspruch gestalten, das gleichzeitig neugierig macht. Der Spieler kann Pluspunkte sammeln und dabei 600 Jahre Typographiegeschichte durchlaufen“, so der Autor. Seine Ausbildung hat er in der Druckerei der „École Estienne“ gemacht und sich dann an „Gobelins“, der Pariser Schule für visuelle Kommunikation, auf interaktives Design spezialisiert. Type:Rider ist seine Abschlussarbeit. Sie hat die Aufmerksamkeit von Agat Films & Cie / ex nihilo gewonnen, dem Unternehmen des französischen Produzenten Guédigan. Dieser konzentriert sich seit 2009 auf die Produktion von Webdokus und medienübergreifenden Arbeiten. Nach 8 Monaten intensiver Arbeit wurde das Spiel von einem 6-köpfigen Team fertiggestellt – in einem beengten Computerraum, in nächster Nähe zum Büro des Regisseurs von „Marius und Jeannette“. „Wir wollen die Idee des Autors auf einer anderen Medienplattform entwickeln, die Welt der Anwendung erkunden“, sagt der Leiter des Bereichs „Neue Medien“, Arnaud Colinart. Er weist besonders darauf hin, dass ex nihilo eines der ersten Medien-Unternehmen ist, das sich für dieses Projekt aus dem Hilfsfonds für Videospielanwendungen finanziert. Durch die Beteiligung von ARTE wird – genau wie bei unabhängigen Filmproduktionen – dem künstlerischen Anspruch des Spiels Rechnung getragen.

Die ersten fünf Levels des Spiels sind gratis. Sie sind über den Internetauftritt des deutsch-französischen Kulturkanals frei zugänglich. Zum Spielen genügt eine Computertastatur. Die vollständige Anwendung mit allen neun Levels (und zusätzlich dem hervorragend gestalteten Überraschungs-Level) ist im Appstore zum Preis von 2,69 Euro in fünf Sprachen und in 23 Ländern verfügbar. „Eine der Schwierigkeiten für Produzenten von unabhängigen Spielen ist es, auf Bezahlplattformen wahrgenommen zu werden. Wenn Unternehmen wie ARTE solche künstlerischen Inhalte herausgeben“, so die Einschätzung des jungen Spieledesigners, „eröffnen sich für unabhängige Spiele neue Produktionsmodelle“.

Marie Lechner

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