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Agentur Ostkreuz: Fotografie zwischen Grenze und Freiheit

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ARTE Creative

Fotografie ist die Kunst, die Welt in Bildern zu sehen. Genau dieser Kunst widmet sich "Ostkreuz", Deutschlands wohl rennomierteste Fotoagentur, seit fast 25 Jahren. Eine der Ostkreuz-Fotografinnen ist Linn Schröder. Mit ihr sprachen Angelika Schindler und Christine Kühn über Inszenierung und Spontaneität in der Fotografie.

Gegründet wurde Ostkreuz 1990 von sieben Fotografen aus dem ehemaligen Ostdeutschland. In den 25 Jahren seit dem Mauerfall hat sich viel verändert. Inzwischen vereint die Agentur drei Generationen von Fotografen aus Ost und West. Ein Thema der Ostkreuzfotografen ist natürlich Berlin, die in zwei Hälften geteilte Stadt, die nach Fall der Mauer erst neu zusammenwachsen musste. Ihre ständige Veränderung macht sie zu einer der faszinierendsten Metropolen Europas. Die Ostkreuz-Fotografen haben den Wandel mit der Kamera festgehalten. Naheliegend ist daher, dass sich die Ostkreuz-Fotografen in ihren Ausstellungen auch immer wieder mit dem Thema "Grenzen" beschäftigen – mit Grenzen, die tief in Biographien einschreiben sind, aber ebenso mit Heimatlosigkeit in Europa und dem Kampf für Menschenrechte weltweit. Der Blick hat sich in den letzten 25 Jahren merklich geweitet.

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Linn Schröder gehört zur jüngeren Generation der Ostkreuz-Fotografen: Sie geht aus einer persönlichen Perspektive an die Fotografie heran. Dabei thematisiert auch sie Grenzerfahrungen und setzt sie auf ihre eigene Art und Weise um. Heraus- gekommen ist dabei die Dokumentation "Ostkreuz - Agentur der Fotografen". Fünf Jahre lang begleitete der Fotograf und Filmemacher Maik Reichert Ostkreuz mit der Kamera. In seiner Dokumentation, die am 5. Oktober 2014 auf ARTE zu sehen ist, stellt er Linn Schröder und sechs weitere Fotografen vor.

ARTE Creative: Wie stark inszenieren Sie Ihre Bilder?

Linn Schröder: Meistens warte ich darauf, dass sich ein Moment ergibt bzw. ein Bild einfach passiert. Doch manchmal verschwimmt in meinen Werken die Grenze zwischen Inszenierung und Zufall. Wie zum Beispiel bei meiner Arbeit „Sind Sie ein echter Frosch? Natürlich, das sieht man doch. Keine Metapher.“ Für diese Serie hatte ich sehr unterschiedliche Herangehensweisen: Ich habe viel spontan fotografiert, aber auch Fotos verwendet, die ansatzweise inszeniert waren. Genau darum geht es mir aber auch: Dass man nicht genau sagen kann, ob ein Bild gestellt ist oder nicht.

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"Selbstportrait mit Zwillingen und einer Brust", 2012 (in Zusammenarbeit mit Elke Rüss)

Für Ihr Bild "Selbstportrait mit Zwillingen und einer Brust" haben Sie 2013 den Zeitmagazin-Fotopreis gewonnen. Darauf machen Sie Ihre Krebserkrankung zum Thema. Die abgenommene Brust ist deutlich sichtbar. Worum ging es Ihnen bei diesem Bild?

Das Bild habe ich zusammen mit der Kostümbildnerin Elke Rüss inszeniert. Sie hat den Anzug aus Strumpfhosen, den ich trage, kreiert. Meine Zwillinge tragen die gleiche Strumpfhose. Um dem Bild mehr Symbolik zu verleihen, wollte ich verhüllt sein, wobei die Narbe von der Brustkrebsoperation sichtbar bleiben sollte. Die Zwillinge und die Narbe bilden die beiden Gegenpole auf dem Bild: die Narbe, die für die Krebserkrankung und Tod steht, und als Gegensatz dazu die Zwillinge, das doppelte Leben. Das Werk behandelt also ganz archaische Themen, Leben und Tod. Natürlich war es inszeniert: Wir mussten zum Beispiel in einem sehr warmen Raum arbeiten, weil die Kinder noch so klein waren. Das eine Kind schlief und das andere hatte eigentlich geschrien, bis es dann am Finger meines Freundes saugte und sich wieder beruhigte. Trotz der Inszenierung wirkte also noch ein Zufallselement mit, sodass genau diese Momentaufnahme entstanden ist.

Ganz anders von der Herangehensweise wirkt Ihr Bild mit dem Mädchen im blühenden Baum aus der Froschserie.

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O.T.#11, »Sind Sie ein echter Frosch? Natürlich, das sieht man doch. Keine Metapher.«, 2003/2004.

Der Titel der Serie bezieht sich auf eine Kurzgeschichte von Haruki Murakami. In dieser Geschichte erzeugt er eine Welt zwischen Realität und Surrealismus und  es passiert innerlich sehr viel. Für die "Fröschserie" habe ich dann Bilder gesucht, die eigene Geschichten ohne Worte erzählen. Dementsprechend habe ich diverse Symbole benutzt, die sich auf seine Werke beziehen. Ich habe an vielen verschiedenen Orten, die nichts miteinander zu tun hatten, fotografiert und nur über die Bildsprache versucht, einen Erzählstrang zu entwickeln. Dieses Bild ist in einem Park in Hamburg entstanden. Der Baum blühte so schön rosa, das hatte etwas Zartes und Japanisches. Bei Murakami geht es oft um Frauen oder Tiere, die verschwinden. Da erschien es mir passend, jemanden in den Baum hineinzusetzen. Insofern ist das Bild natürlich wieder gestellt. Wohingegen das Bild mit dem Motorradfahrer, das auch Teil dieser Serie ist, inszeniert wirkt, obwohl es eine gefundene Situation ist.

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O.T.#12, »Sind Sie ein echter Frosch? Natürlich, das sieht man doch. Keine Metapher.«, 2003/2004

Wie genau kam es zu dem Foto mit dem Motorradfahrer?

Das war in Paris. Der Blick aus dem Fenster war für mich aus fotografischer Sicht interessant, weil er klar und geometrisch strukturiert war. Ich fing an, zu fotografieren. Plötzlich kam der Motorradfahrer dazu, der die Straße auf und ab fuhr. Ich hörte nicht auf, Fotos zu machen  und  dabei ergab sich eines, bei dem er mit den Rädern in der Luft war. Das macht das Foto zu einem, bei dem man denken könnte, dass es inszeniert ist. Dabei ist es ein klassisches Beispiel dafür, wie ich auf eine bestimmte Situation warte. So ein Ort, eine Stelle, ein Bildausschnitt reizt mich geradezu, darauf zu warten, dass noch etwas kommt, dass noch etwas passiert.

Also ist das Warten auf Fundstücke auch eine Mögliche herangehensweise. Bei Ihren Ausstellungen fällt auf, dass Sie Bilder gern im Großformat zeigen. Warum ist Ihnen das wichtig? Was macht das mit dem Betrachter?

Meine Bilder haben meist das Format 1 x 1,23 m, also sind sie nicht riesengroß, haben aber doch eine große Bildfläche. Damit probiere ich, die Bilder auf eine andere Ebene zu heben, sodass man sie eher wie eine Malerei betrachtet. Man kann die Fotos dann mit mehr Abstand anschauen und man muss nicht so dicht herangehen. Im Grunde genommen hat meine Herangehensweise  etwas sehr Dokumentarisches und das drücke ich auch formal aus. Für den Betrachter wird es durch das große Format möglich, sich in die Bilder hineinzudenken. Sie zwingen ihn sozusagen, den Bildraum intensiv wahrzunehmen. Einige meiner Bilder könnten missverstanden werden, wenn sie kleiner wären. Man könnte z. B.  annehmen, dass es nur um das Abbilden ginge, obwohl es mir primär darum geht, wie das Bild an sich funktioniert, wenn man es betrachtet: Was bekomme  ich für Ideen? Was löst es in mir aus? Der Betrachter muss selbst in der Lage sein, Geschichten hineinzulesen.

Das Interview führten Christine Kühn und Angelika Schindler, September 2014.

Links
 Linn Schröder
• Ostkreuz - Agentur der Fotografen
• Ostkreuz bei den Berliner Festspielen

Auf ARTE
Ostkreuz - Agentur der Fotografen
Ein Film von Maik Reichert
Ausstrahlung am Sonntag, 5. Oktober um 17:35 Uhr (52 Min.)
Der Film ist auf ARTE+7 erhältlich
• ARTE feiert 25 Jahre Mauerfall - Die Sonderprogrammierung

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