Publié le 22 février 2011 à 11:27 De PAP!



Was denkt ihr bloß da draußen?
Arte Creative ist ein sehr spezieller Ort im Internet, der Kunst und Jugend mit dem Fernsehen zusammenbringt


Wenn Unternehmen früher die Jugend umgarnten, haben sie Bonbons und Comics verteilt oder ein paar Sprayer bezahlt, damit die dann die Parkplatzrückwand verzierten. So leicht ist das nicht mehr. Das ZDF hat für die Jüngeren den Spartenkanal ZDF neo gegründet, die ARD debattiert über einen Jugendsender und hat schon einige interaktive Programme eingerichtet, die Radio, Internet und TV vernetzen. Beim Kulturkanal Arte wirbt man um die Jüngeren zum Beispiel mit Tracks - seit Jahren eine Sendung, die sich noch ernsthaft für Popmusik interessiert. Im Internet haben die Arte-Macher in Straßburg nun auch noch eine weitere Nische eingerichtet. Die heißt Arte Creative und ist eine dieser Mitmachplattformen, die man User-Generated-Content nennt.
Für Betreiber ist das günstig und gut: Der Inhalt kommt von den Nutzern, kostet deshalb wenig. Und en passant lässt sich die Zielgruppe ganz ohne Klemmbrett-Marktforscher ein bisschen aushorchen. Was denkt die Welt da draußen wirklich? Längst hat zum Beispiel auch der Möbelhersteller Ikea so eine Community eingerichtet, ebenso Fernsehsender wie Vox oder Pro Sieben, die einiges zu verkaufen haben. Aber auch Magazine wie Neon testen Heftinhalte vorab auf ihrer Online-Dependance.
Wichtig bei der Konzeption: Um der Markenbindung der Nutzer zu dienen, müssen auch im Netz Anmutung und Atmo mit dem Ausgangsprodukt übereinstimmen. Also geht es bei Ikea freundlich und familiär zu, bei Neon gefühlig, und weil Arte seit fast zwanzig Jahren für einen avancierten Kulturbegriff stehen möchte, soll hier nun ein Netzwerk für ambitionierte junge Künstler und Kulturproduzenten heranwachsen.
Noch kann man das mehr erahnen als ersurfen, seit Anfang Februar ist die Website live, schon vorab hat Projektleiter Alain Bieber Künstlerprominenz wie Wim Delvoye, Roman Signer und Erwin Wurm mit dem Netzwerk verbandelt und meldet nun stolz: 'Wir haben den bekanntesten belgischen, den bekanntesten Schweizer und den berühmtesten österreichischen Künstler auf der Seite.' Nun kann man etwa mit Signers Perfomances natürlich ganze Tage auf wunderbare Weise verbringen. Weil Gutes aber nicht unbedingt nur Gutes anzieht, operiert Arte Creative mit strengem Türsteherprinzip: 'Wir prüfen jede Anfrage ganz genau und gewissenhaft, damit wir nicht von Ich-mache-auch-was-mit-Aquarellen-und-Katzenbildchen-Typen überschwemmt werden, sondern hochwertige Inhalte auf der Seite haben', erklärt Bieber und ergänzt, dass Arte bereit ist, für diese von Nutzern eingestellten Beiträge auch zu bezahlen. Nicht viel, aber immerhin. Studenten bekommen von Arte Creative eine Streberprämie von 300 Euro, wenn sie zur Arbeit auch noch ein Zeugnis oder Professorenlob einreichen.
Der Kunststudent Mehryl Levisse setzt halbnackten Bettenposern Körperteile und Köpfe aus Legosteinchen auf und spielt außerdem im Titel mit dem Klang der Worte Lego und l"Ego - das Ego. Seine Professorin an der Kunsthochschule Saint Denis hat ihm dafür 17 von 20 möglichen Punkten gegeben.
Peter Movrin studiert eigentlich noch Kunst, will aber später mal ins Modedesign wechseln. Die Stiefelchen mit hufigem Holzplateau sind jedenfalls ziemlich ambitioniert. Auf Neugier zielt auch das Format 'From Sketch', erfunden von der umtriebigen Berliner Zentrale Intelligenzagentur. Dabei befragen die Berliner sozusagen als Gastjournalisten Kreative wie Ingo Niermann: Leben und Arbeiten am Ende auf eine einzige DIN-A3-Seite aufzuzeichnen, das ist das Ziel. Darüber hinaus will sich die Seite als Partner von Institutionen, Hochschulen und Festivals, aber auch als Schaufenster für Künstler, Architekten, Street Artists, Grafiker, Gamer, Typografen oder Theoretiker profilieren. Von Arte ist das schlau gedacht, denn Öffentlichkeit suchen alle Kreativen.
Die Idee, die Kunst und das Internet zusammenzubringen, ist nicht neu, im vergangenen Jahr hat YouTube zusammen mit dem Guggenheim Museum den Wettbewerb 'YouTube Play' veranstaltet, Google scannt für sein Kunstprojekt im Streetview-Modus gerade Meisterwerke ab und lässt den Betrachter näher herantreten, als er das beim sonntäglichen Museumsbesuch je könnte. Und gerade wenn es um längst vergangene Performances geht, ist das Internet die Rettung von Spätgeborenen und Nachrufschreibern. Bisher leidet aber jede Website unter den spezifischen Kinderkrankheiten: Bei YouTube muss man wühlen, bis man etwas findet. Andere Seiten operieren auf unklarer Rechtebasis. Deshalb arbeitet man bei Arte Creative mit den Rechteinhabern zusammen.
So stellt der Neue Berliner Kunstverein die Arbeiten von Rebecca Horn auf Arte Creative aus, darunter die vierzig Minuten lange Arbeit 'Berlin - Übungen in neun Stücken' von 1974/75. Roman Signer präsentiert fünf Arbeiten, die es sonst nirgendwo im Netz gibt. Da die Anfänger und dort Stars mit ihren Klassikern, das ist bisweilen unübersichtlich. Angenehm zurückhaltend sind dafür die von den Künstlern und Gestaltern selbst gefüllten Spaces.
Allein aus Liebe zur Kunst unterhält auch Arte seine neue Community nicht. Arte Creative ist langfristig auch als Quelle für die Fernsehmacher gedacht. Man wolle 'eine kleine Talentschmiede sein, wirklich neue Formate entwickeln und neue Kreative ranholen, die eben nicht zu den üblichen TV-Produzenten gehören', erklärt Bieber. Der Sender setzt demnach Hoffnungen in die Leute, die sich an der Plattform beteiligen - als Ideen-Pool und Lieferanten fürs Fernsehen. Inhalte aus dem Kunstnetz sollen bald im regulären TV-Programm zu sehen sein. Außerdem könnten Freunde der Internet-Plattform - eben die begehrte junge, kreative, aber fernsehferne Zielgruppe - an das Programm aus Straßburg herangeführt werden. Vermutlich spielt Arte Creative aber nur sehr spät am Abend. Es ist im Nischenprogramm dann doch nur ein Nischenformat.

BARBARA GÄRTNER / Sueddeutsche Zeitung
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